Polat Can, Kommandeur und Pressesprecher der YPG

Von Polat Can, Kommandeur und Pressesprecher der kurdischen Volksverteidigungseinheiten (YPG)

Ost-Aleppo ist gefallen, doch ein Blick auf die vielfältigen Gründe, die diesem Fall den Weg geebnet haben, wird zeigen, dass dies unvermeidbar war – und das nicht weil die Baath-Streitkräfte stärker als die islamistischen Gruppen wären, sondern aufgrund dutzender Faktoren, die den ersten Fall der Stadt 2012 begleitet haben und den heutigen zweiten Fall auch begleiten.

Der erste Fall war schnell, unorganisiert und kam sehr früh, während der zweite Fall spät kam, schmerzhaft und zerstörerisch war, in anderen Worten: der erste Fall der Stadt war ein Vorgeschmack auf den Zweiten.

Erstens: Wir müssen uns daran erinnern, dass die Rebellen sich darüber mockierten, dass die Menschen in Aleppo an den Revolten gegen das Baath Regime nicht teilnahmen, aber sie verstanden nicht, dass Aleppo eine Stadt des Kommerzes und der Industrie ist, die Sicherheit, Stabilität und offene Handelsrouten braucht.

Zweitens: Aleppo ist in zwei Teile geteilt: Ost- und West-Aleppo. Diese Teilung ist nicht nur eine geografische, sondern auch eine soziale und kulturelle Teilung. Ost-Aleppo ist die Heimat der armen, obrigkeitsliebenden und frommen Sunniten, der Kurden aus Dörfern wie Kobani und Afrin und auch der Türken. Alle sind Arme oder Menschen aus der Arbeiterklasse des Baugewerbes oder der Textilindustrie. Auf der anderen Seite ist West-Aleppo, die Heimat der Mittelklassen-Beamten, der Reichen und der Landbesitzer, die kein Interesse an politischen Slogans haben, sondern einfach nur an Stabilität interessiert sind, um erfolgreich zu sein.

Drittens: Es gibt Stadtteile mit christlichen Mehrheiten (Armeniern, Assyrern, usw.), die niemals mit den islamistischen Slogans sympathisierten, die die Aufstände seit Mitte 2011 übernahmen. Sie hegten immer ein tiefes Misstrauen gegen die Rebellen, die aus den Dörfern kamen.

Viertens: Die Stadtteile mit einer kurdischen Mehrheit, wie Al Ashrafia und Boustan Al Pasha. Sie waren zwar die ersten, die sich gegen das Regime erhoben und die Regime-Kräfte und ihre „Shabeeha“ Schläger im Frühling 2012 aus der Stadt jagten, aber sie standen den extrem nationalistischen und chauvinistischen Slogans der Opposition und deren bewaffneten Partnern, die vom geschichtlichen Feind der Kurden, der Türkei unterstützt wurden, misstrauisch gegenüber.

Fünftens: Der Fall Ost-Aleppos im Jahre 2012 war nicht eine selbstständige und interne Entwicklung, es war ein Sieg der bewaffneten Gruppen aus den nördlichen Dörfern Aleppos (Andan, Hritan, Azaz und Hian).

Sechstens: Die islamistischen Gruppen bekämpften und zerstörten bekannte Familien und Stämme in Ost-Aleppo, was viele dazu brachte sich doch mit dem Regime zu verbünden.

Siebtens: Sobald die islamistischen Gruppen in Ost-Aleppo die Macht übernahmen, stahlen und plünderten sie alles und exportierten diese Waren billig in die Türkei, was zur Zerstörung der Wirtschaft und der Arbeitsmöglichkeiten vor Ort führte, die die Menschen für den Erhalt ihrer Existenz benötigten.

Achtens: Die bewaffnete Opposition war in viele Gruppen aufgeteilt, die sich gegenseitig bekämpften, u.a. auch deshalb, weil sie vom Rauben und Stehlen in den örtlichen Fabriken schamlos und zersplittert wurden. Diese einzelnen Gruppen teilten sich auf der Basis ihrer ideologischen, politischen, geografischen oder religiösen Hintergründe, also auf Basis ihrer Loyalität zu anderen Staaten, Parteien oder bestimmten Personen immer weiter auf.

Neuntens: Das Eindringen dieser extremistischen islamistischen Gruppen in Aleppo und in das Zentrum der bewaffneten Opposition brachte der Bevölkerung und den anderen Gruppen eine neue Lebensrealität. Die Herrschaft durch „Ahrar al Sham“ und „Al Nusra“ gab dem Assad-Regime und der russischen Regierung den Grund und die Legitimation, Städte zu zerstören und deren Bewohner umzubringen.

Wie wir schon zu Anfang andeuteten: der zweite Fall Ost-Aleppos hat vieles mit dem ersten Fall gemeinsam. Aber wieso fiel Aleppo, obwohl es dutzende und hunderte Splittergruppen gab, die mit Tonnen an Waffen und finanziellen Mitteln aus Saudi-Arabien und Katar unterstützt wurden und mit Medienpropaganda über die angebliche Errichtung einer gemeinsamen Aktionsfront aller Parteien unterstützt wurden? Wieso fiel Aleppo trotz all den Drohungen und Wünschen die gegenüber dem Assad-Regime geäußert wurden?

Wieso fiel Aleppo?

1. Die Spaltungen zwischen den verschiedenen Spittergruppen auf Basis der verschiedenen Sponsorenstaaten und deren Interessen am Ausgang der Kampfhandlungen.

2. Die Kontrolle durch die islamistischen Gruppen und besonders durch Al Qaida zerstörte das Image des bewaffneten Widerstands international und vor allem im Westen.

3. Straßenhändler, Schafs- und Getreidehändler wurden zu Militärstrategen ernannt, die über militärische Pläne entschieden und taktische und strategische Vorstöße anführten, um später zu Warlords und örtlichen Führern zu werden, die ihre Untergebenen missbrauchten.

4. Diese extremistischen islamistischen Splittergruppen bekämpfen nicht das Assad-Regime. Stattessen entfachten sie einen vier Jahre währenden Krieg gegen die Kurden in „Sheikh Maqsoud“ (Sida Berge), belagerten dort hunderttausende Kurden und Araber, bombardierten sie mit chemischen Waffen und Giftgas, schnitten sie von Nahrungsmitteln und medizinischer Versorgung ab. Das ist meiner Meinung nach der bedeutendste Grund für den Fall der bewaffneten Opposition und auch für den Fall Ost-Aleppos.

5. Der bewaffnete Widerstand wurde ein de-facto Agent der türkischen Geheimdienste, der dessen Befehlen folgte. Ganz deutlich wurde dies durch den Krieg in Sheikh Maqsoud.

6. Die oppositionellen Kräfte fingen an, sich gegenseitig zu bekämpfen und barbarische Verbrechen an den Zivilisten, an Kurden und Christen zu begehen – so wie es auch der IS macht. Sie schlachteten und exekutierten Zivilisten auf den Straßen, zerstörten Kirchen und nahmen gezielt Kurden ins Visier.

7. Aufgrund der Kämpfe zwischen diesen bewaffneten Fraktionen war das Assad-Regime überhaupt erst in der Lage „Al Nobel“ oder „Zahraa“ zu erreichen, um so Aleppo von „Azaz“ und den nördlichen und östlichen Dörfern und letztendlich von der Türkei abzuschneiden.

8. Viele aus den bewaffneten Widerstandsgruppen überließen ihre Stellungen dem Regime, nachdem es einen Deal zwischen Russland und der Türkei gab. Nun war das Assad-Regime in der Lage Ost-Aleppo zu belagern und dort zu kämpfen.

9. Die Türkei und die syrische Opposition in der Türkei täuschten den bewaffneten Widerstand, indem sie diesen Lügengeschichten, wie das von der besonderen türkischen Unterstützung und der Unterstützung in den Verhandlungen mit dem Assad-Regime, erzählten und vorgaben, man könne so den Sieg erringen. Der bewaffnete Widerstand glaubte diese Lügengeschichten und blieb so unter dem mörderischen Bombardement der russischen Luftwaffe und der Truppen und Milizen des Assad-Regimes, ohne die geringsten Gewinne am Boden zu machen.

10. Die türkischen Geheimdienste nutzten den bewaffneten Widerstand für ihre eigenen Ziele und unterstützten diese, um die Militärakademie „Ramosa“ und die Damascus-Road zu übernehmen, bevor Erdogan seinen Besuch in Russland antrat. So konnte Erdogan mit einer stärkeren Verhandlungsposition in die Gespräche mit Putin gehen. Nach dem Treffen befahl Erdogan den Stopp der militärischen Operationen in Aleppo.

11. Zu der Zeit, als die bewaffnete Opposition Gebietsgewinne in Westaleppo machte und die Straßen nach Damaskus kappten, befahl Erdogan diesen Kräften Aleppo zu verlassen und in Richtung Jarablus zu ziehen. Dieser Schachzug war der letzte Stoß, der sie zu Fall brachte und zum Sieg des Assad-Regimes führte.

12. Statt sich nach Damaskus aufzumachen und dort das Assad-Regime zu stürzen, machten sich die Tausenden aus dem bewaffneten Widerstand nach Sheikh Maqsoud, Afrin, Jarablus und Al Bab auf, um die FSA und die Kurden zu bekämpfen, so wie ihre türkischen Befehlshaber das wollten.

13. Vor einigen Jahren wurde ein Treffen zwischen einigen Splittergruppen abgehalten und eines der Ergebnisse dieses Treffens war die Übereinkunft, dass sie ihre bisherigen Kampfgebiete verließen und in Richtung der kurdischen Städte gehen sollten, um diese zu einzunehmen. Doch das Ergebnis dieses Entschlusses war ihre Niederlage in Serekaniye, Ramaylan, Qamislo, Girespi und Afrin.

Niederlage für die Feinde des föderalen, demokratischen Projekts

Aleppo ist nicht nur gefallen, Aleppo ist vollkommen zerstört. Die Wirtschaft eines der größten Wirtschaftszentren des Mittleren Ostens und eine der ältesten Städte der Welt wurde zerstört. Der Fall Ost-Aleppos ist auch der Fall des bewaffneten Widerstands und derer Unterstützer in der Türkei. Es ist der Fall des politischen Islam, der Muslimbruderschaft und der Agenten des türkischen Staates sowie deren Handlanger. Es ist die Niederlage all der Kräfte, die die kurdischen Kräfte bekämpfen. Ich sagte es zuvor und ich sage es noch einmal: „Niemand wird siegen, sollte er sich dem kurdischen Volk entgegenstellen“.

Alles in allem ist das säkulare und wahrhaft patriotische Projekt der Kurden, das Projekt der Demokratischen Kräfte Syriens SDF und der Volksverteidigungseinheiten YPG, das einzig erfolgreiche. Es ist das föderale und demokratische Projekt, das gegen den IS, das Assad-Regime und alle Diktatoren Widerstand leisten kann und auch ein freies Kurdistan und ein freies Syrien garantiert.

Übersetzung: Dastan Jasim, 16.12.2016.

kn

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