Tahir Elçi, Vorsitzender der Anwaltskammer von Amed, wurde von der türkischen Polizei auf offener Straße erschossen (Foto: DIHA)

Von Ismail Zagros

Tahir Elçi, Vorsitzender der Rechtsanwaltskammer von Amed (Diyarbakir), wurde heute von der türkischen Polizei in Sur, historischer Stadtteil von Amed, erschossen.

Tahir Elçi war vor allem für seine Bemühungen bekannt, die Fälle der ermordeten kurdischen Zivilisten durch den türkischen Staat in den 90er Jahren bis heute (über 17.000 Menschen) aufzuklären. In einer Vielzahl von Prozessen vor dem Europäischen Gerichtshof vertrat er die Opfer von Menschenrechtsverletzungen. Er hatte sich nicht nur für die Rechte der Kurden eingesetzt, sondern für die Rechte aller Minderheiten und Benachteiligten in der Türkei und in Kurdistan.  Er war ein wahrer Menschenrechtler, viel mehr als ein „pro-kurdischer Anwalt“.

Mitte Oktober dieses Jahres sagte Tahir Elçi bei einer türkischen Politsendung „Tarafsiz Bölge“ des Senders CNN Türk vor laufenden Kameras Folgendes: „Die PKK ist keine Terrororganisation, sondern eine bewaffnete politische Bewegung, deren politische Forderung eine große Unterstützung in der Bevölkerung genießt“. Deshalb wurde gegen Elçi unter dem Vorwurf „Propaganda für die Terrororganisation“ ermittelt. Für diesen Satz forderte die türkische Staatsanwaltschaft bis zu 7,5 Jahren Haftstrafe. Die türkische AKP-Regierung und zahlreiche ihr nahestehenden Medien starteten deswegen eine große Lynchkampagne gegen Elçi. In den sozialen Netzwerken wie z.B. Twitter und Facebook bekam der Menschenrechtler fast täglich Morddrohungen.

Seine Antwort auf diese Morddrohungen? Er zitierte Nelson Mandela und schrieb: „Der Tod ist unvermeidlich. Wenn ein Mann getan hat, was er als seine Pflicht gegenüber seinem Volk und seinem Land erachtet, kann er in Frieden ruhen.“ oder „Nicht einmal die JITEM* konnte mich in die Knie zwingen. Vor euch werde ich mich auch nicht beugen“.

Heute wurde er von der türkischen Polizei in Amed erschossen. Die Täter laut AKP-Regierung? „Unbekannt“, genauso wie in den 90er Jahren. Elçi hatte sich als Menschenrechtler stets bemüht, solche Fälle aufzuklären, heute wurde er von uns genommen. Sie haben ihn für immer zum Schweigen gebracht. Er ist nicht nur ein Verlust für das kurdische Volk, sondern für alle Menschen in der Region, die noch ein wenig Hoffnung auf Gerechtigkeit hatten.  Tahir Elçi hat seine Pflicht gegenüber seinem Volk und Land mehr als nur erfüllt. Er hat sich weder vor dem „tiefen Staat“ JITEM noch vor dem Erdogan-Staat gebeugt. Der Menschenrechtler war 49 Jahre alt. Er hinterlässt eine Ehefrau und zwei Kinder und tausende Opfer des türkischen Staatsterrors, die sich nach Gerechtigkeit sehnen.

 

*JİTEM (Jandarma İstihbarat ve Terörle Mücadele, auf Deutsch etwa ‚Geheimdienst‘ und ‚Terrorabwehr der Gendarmerie‘) ist eine zu Beginn der 1990er Jahre im Kampf gegen die PKK gegründete paramilitärische Einheit. Sie ist verantwortlich für Morde, Attentate, „Verschwindenlassen“ von Menschen in Nordkurdistan (Südosten der Türkei). Die Existenz der JİTEM wurde bisher weder von staatlicher Seite noch vom Generalstab zugegeben.

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