Sinan Yesilyurt – Nach dem Attentat in der nordkurdischen Stadt Pirsûs (tr. Suruc) auf prokurdische Sozialisten der SGDF (dt. Föderation der sozialistischen Jugendvereine), bei dem die Todeszahl mittlerweile auf 32 stieg, herrscht nach wie vor Fassungslosigkeit. In ganz Kurdistan sowie in Teilen der Türkei als auch in den europäischen Städten gab es Massenproteste gegen die (noch derzeitige) türkische Regierung der AKP und gegen Erdogan. Die Türkei ist nämlich DAS Transit- und Rückzugsland der Terroristen. Viele Dschihadisten aus Europa, die sich dem sogenannten ‚Kalifat‘ anschließen, gelangen über die Türkei ins syrische Gebiet und ziehen so in den ‚heiligen Krieg‘.“ Unter anderem auch um ihre Wunden behandeln zu lassen, Waffen zu besorgen und ihre Kräfte zu sammeln, haben sich die IS-Terroristen immer wieder in die Grenzregion zurückgezogen.

Der Gründer und Leiter der Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte (SOHR), Rami Abdulrahman, erklärte in einem kürzlich erschienen Interview, dass mindestens 10.000 IS-Kämpfer über die türkisch-syrische Grenze nach Syrien gelangt seien. Als Gire Spî (Tal Abyad) durch die kurdischen Volksverteidigungskräften YPG befreit wurde, sind tausende Terroristen aus der ehemaligen IS-Hochburg in die Türkei ‚geflohen‘, aber auf der türkischen Seite wurden nur drei potenzielle IS-Kämpfer gefangen genommen.

Nicht das erste Mal – so wie manch westliche Medien berichten – wurden Anschläge seitens radikaler Terroristen auf türkischem Boden verübt. Am 5. Juni, also zwei Tage vor den Parlamentswahlen in der Türkei, detonierte in Amed (Diyarbakir) bei einer Wahlkundgebung der prokurdischen Partei der Völker, HDP, eine Bombe. Vier Zivilisten kamen ums Leben und hunderte wurden verletzt. Vor kurzem stellte sich heraus, der Attentäter war ein Dschihadist aus Semsûr/Adiyaman. Er war den türkischen Behörden bekannt. Schon damals, kurz nach dem Anschlag, behaupteten regierungsnahe Nachrichtenagenturen, dies sei die Wahlstrategie der HDP. Dieser Anschlag sei auf sie zurückzuführen, denn `so hoffe man, als Opfer gebrandmarkt zu werden, um bei den Parlamentswahlen punkten zu können´, schrieben AKP-nahe Medien.

Weitere Anschläge innerhalb der Türkei waren der Selbstmordanschlag mitten in Istanbul Anfang Januar, oder der Bombenanschlag in Reyhanli 2013, währenddessen 51 Menschen getötet wurden. Diese zwiespältige Politik der AKP machte sich auch nach dem Anschlag in Pirsûs bemerkbar. Wiederum waren es regierungsnahe Medien, die die HDP zu deren Zielscheibe formten. „Braucht man unbedingt 300 Menschen, um paar Spielsachen nach Kobanê zu bringen, oder wollten diese Jugendlichen in den Krieg ziehen? Die HDP muss diese Frage beantworten.“, schrieb der Chefredakteur der Star-Zeitung in der Türkei. Demirtas, Co-Vorsitzender der HDP, betonte in einer Pressekonferenz, dass man ab nun auf sich Acht geben solle, und sich selbst schützen solle. Ebenfalls müsse man alle Eingänge und Ausgänge der Parteibüros und religiöse Einrichtungen gut sichern. Daraufhin stürzten sich abermals regierungsnahe Medien auf Demirtas. Die systematische Medienpolitik der AKP entblößte sich wieder: Ganze fünf große und bekannte Zeitungen betitelten dieselbe folgende Schlagzeile: „Gefährlicher Aufruf von Demirtas“. Interessant ist auch, dass sowohl in Reyhanli, als auch in Pirsûs, die Regierungsbehörde für Radio und Fernsehen eine Anordnung erließ, wonach über die Vorfälle nicht berichtet werden durfte. So viel zur unabhängigen und rationalen Berichterstattung und der zynischen Ideologie des türkischen Staates.

Die Türkei ist umzingelt von Kriegsschauplätzen in der Region. Doch sie antwortet mit einer irrationalen Außenpolitik und den Bestrebungen Erdogans, langfristig ein neo-osmanisches Imperium aufzubauen und zieht sie sich damit mehr und mehr in den schon chaotischen Krieg im Mittleren Osten. Der IS wird im Blut, den er vergossen hat, ertrinken. Dieser Selbstmordanschlag nahm nicht nur 32 Menschen das Leben, sondern richtete sich auch auf die Solidarität zwischen den Völkern sowie mit Rojava. Die momentane Situation ist mit einem Erdbeben gleichzustellen. Ein Erdbeben entsteht nämlich nicht aus einer einzelnen Erschütterung, sondern mehrere kleinere Erschütterungen veranlassen ein Erdbeben in seiner bekannten, gigantischen Form. Die Anschläge in Amed und Pirsûs waren die Erschütterungen vor dem Erdbeben. Die andauernde anti-kurdische Ideologie der Türkei wird zum vollständigen Kollaps ihrer Politik und Erdogans führen.

KEINE KOMMENTARE

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT