Halabja nach dem Giftgasangriff: Totes Baby im Arm der toten Vater (Bild: krg)

Kommentar von Ismail Zagros

Heute ist der 27. Jahrestag des Giftgasangriffs auf die kurdische Stadt Halabja. Am 16. März 1988 überzogen Kampfflugzeuge des irakischen Saddam-Regimes die Stadt mit Giftgas. An diesem Tag fielen dort in wenigen Minuten mehr als 5.000 Frauen, Kinder und Männer durch einen qualvollen Erstickungstod zum Opfer, weitere 10.000 wurden schwer verletzt, viele starben später an den Folgen. Dies war der massivste Einsatz von Giftgas seit dem Ersten Weltkrieg. Die Spätfolgen – Krebs, Missbildungen, Fehlgeburten, Unfruchtbarkeit – sind heute noch sichtbar.

Der Befehl, die kurdische Stadt Halabja mit Giftgas zu bombardieren, kam von dem damaligen Diktator Saddam Hussein. Für die Durchführung des Angriffs war der ehemalige irakische Verteidigungsminister und Armeekommandeur Ali Hassan Al-Madjid (Chemie Ali) verantwortlich, der im Jahre 2007 im Zusammenhang mit den so genannten Anfal-Angriffen auf kurdische Dörfer zum Tode verurteilt wurde. Das C-Waffenarsenal Saddam Husseins hätte aber nicht ohne die Lieferungen internationaler Firmen aufgebaut werden können. Damals war Hussein noch der beste Freund des Westens. Nach dem Sturz des Schahs 1979 im Iran wurde Hussein massiv seitens der USA im Irak-Iran-Krieg unterstützt und aufgerüstet. Das Chemiewaffenprogramm von Saddam Hussein hatten vor allem deutsche Firmen mit aufgebaut. Auch Österreich sorgte trotz Neutralität mit dem Noricum-Skandal, also den illegalen Waffenlieferungen des österreichischen VOEST-Tochterunternehmens Noricum an die sich damals im Krieg befindlichen Staaten Irak und Iran, für Aufsehen.

Bis zu 70 % der irakischen Chemiewaffenanlagen kamen von deutschen Firmen. Aus diesem Grund liegt die Verantwortung für das Halabja-Massaker nicht nur bei der ehemaligen irakischen Regierung unter Saddam Hussein, sondern auch bei der deutschen Bundesregierung und den diversen westlichen Staaten, die Waffenlieferung nicht verhinderten und die sich dieser Verantwortung noch stellen müssen. Denn schon lange, bevor die irakische Armee Halabja angriff, war bekannt, dass in den kurdischen Regionen des Landes eine militärische Kampagne unter dem Namen „Anfal“ (=Beute) gegen die kurdische Zivilbevölkerung im Gange war. Bei den „Anfal-Operationen“ kamen nach Schätzungen von Human Rights Watch – Verein zur Wahrung der Menschenrechte e. V. – zwischen 50.000 und 100.000 Menschen um ihr Leben. Kurdische Quellen sprechen sogar von bis zu 180.000 Opfern. Selbst heute noch werden in Südkurdistan Massengräber entdeckt.

Die Aufrüstung des irakischen Saddam-Regimes war gewollt. Dass das irakische Regime bei den „Anfal-Operationen“ gegen die kurdische Zivilbevölkerung auch Massenvernichtungswaffen einsetzte, war kein Geheimnis. Der Giftgas-Angriff auf die Stadt Halabja steht dabei symbolisch für die Folgen einer verantwortungslosen Wirtschaftshilfe, die den Völkermord an KurdInnen wissentlich in Kauf nahm. Die internationale Hilfe – vor allem die deutsche Hilfe – beim Aufbau des irakischen Chemiewaffenprogramms machte den Angriff auf Halabja 1988 möglich. Deshalb ist der Westen, vorrangig Deutschland, mitverantwortlich für das Massaker in Halabja und muss sich dieser Verantwortung stellen. Deutschland ist in der Pflicht, den Genozid gegen die KurdInnen offiziell anzuerkennen. Nicht nur für die Menschen in Kurdistan, sondern auch der eigenen Mitverantwortung in der Vergangenheit gegenüber.

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