Öcgecan Aslan wurde vergewaltigt, ermordet, ihre Leiche wurde angezündet und die Täter entledigten sich ihr. Die alevitische Kurdin wurde sinngemäß Opfer der Dominanz der frauendiskriminierenden Haltung der türkischen Politiklandschaft.

Kommentar von Gamze Eren

Die antidemokratische Haltung der Türkei betrifft mich. Betrifft mich in vielerlei Hinsicht. Sie betrifft mich als ethnische Minderheit, als konfessionelle Minderheit, aber vor allem betrifft sie mich als „Geschlechterminderheit“. Denn wenn mensch Abgrenzen muss, um eine Identität zu kreieren, dann selektiert die kollektive Wahrnehmung zuallererst mein natürliches Genus, mein biologisches Geschlecht – ich bin eine Frau. Weltweit gehöre ich also zu der größten Mehrheit, die de facto wie eine Minderheit in einem chauvinistischen System behandelt wird. Unterdrückt, mit Gewalt und Mechanismen der Benachteiligung konfrontiert, gezwungen gehorsam zu sein und chronisch überfordert in der Existenz als Frau. Meinen Freund*innen gilt meine Solidarität.

Die Türkei als Staat und die Türkei als Gesellschaft missachtet meine Rechte als Frau, sie tritt sie mit den Füßen. Die Regierung sagt mir, ich hätte auf der Straße nicht zu lachen – sie will mir meine Lebensfreude nehmen. Die Regierung findet, ich solle zuhause bleiben, sobald ich schwanger bin, denn der runde Bauch würde die von den Männern dominierende Regierungspartei AKP daran erinnern, dass ich womöglich Geschlechtsverkehr hatte – sie will mir mein Selbstbestimmungsrecht nehmen.

Der Präsident der Republik Türkei, Recep Tayyip Erdoğan, erklärt mir, dass er per se nicht an die Gleichheit von Mann und Frau glaubt. Einer Demonstrantin, die während eines Protestes schwer verletzt wird, macht er klar, was er von ihr hält, in dem er die Bombe platzen lässt: „[…] diese Mädchen oder diese Frau, was weiß ich[…] (Anm.: Erdoğan spielt darauf an, dass er die Jungfräulichkeit der Demonstrantin in Frage stellt und will sie damit diffamieren)“.

Ein anderer Politiker argumentiert, die Arbeitslosenquote wäre nur so hoch, weil Frauen arbeiten wollen würden und der nächste erklärt einer arbeitssuchenden Frau: „Reicht dir die Arbeit in deinem Heim etwa nicht?“.

Für Opfer von Sexualverbrechen und deren Freund*Innen, die sich gegen die Verschärfung des Abtreibungsrecht stellen, haben die besagten AKP-Politiker auch eine Eigenart der Rechtfertigung entwickelt: „Wenn die Mutter vergewaltigt wurde, wieso sollte dann das Kind sterben, die Mutter soll sterben.“; gefolgt von: „Die, die vergewaltigt wurde, soll gebären, falls „nötig“ kann der Staat das Kind erziehen.“; oder auch: „Der Vergewaltiger ist unschuldiger als das Vergewaltigungsopfer, welches abtreibt.“

Die türkische Justiz orientiert sich an dieser frauenfeindlichen Haltung und lässt, unter anderen, folgende Begebenheiten als Strafmilderungsgrund gelten:

• Das Mädchen, welches Opfer eines Mordes wurde, hätte ihren Vater öffentlich diffamiert, nachdem sie in einer Fernsehshow erklärte, sie wäre seitens ihres Vaters vergewaltigt worden. Milderungsgrund für Mord im Verständnis der türkischen Justiz.

• Die Strafe des Mörders, der seine Frau regelrecht abschlachtete, wurde verringert, da er argumentierte, seine Frau hätte „Jeans angezogen, Piercings getragen und er hätte Antibabypillen in ihrer Tasche gefunden“.

• Der Mann, der seine Frau durch dutzende Messerstiche grausam ermordet hatte, genoss Strafmilderung, da seine Frau einem unbekannten Mann die Uhrzeit mitteilte und dabei „geflirtet“ habe.

• Der Vergewaltiger, dem eine Runtersetzung seiner Strafe zugestanden wurde, da sein Vergewaltigungsopfer „eh nicht jungfräulich war“.

• Der Stiefvater, dessen Strafe gemildert wurde, da die Verteidigung eine Bescheinigung vorlegte, welche bezeugen würde, dass die Stieftochter keine psychischen Schäden von der Vergewaltigung davongetragen hätte.

• Der Sexualverbrecher, der bei der Tat ertappt wurde und dessen Strafe runtergeschraubt wurde, da er den Akt nicht „vollenden“ konnte.

Özgecan Aslan, die Opfer eines grausamen Gewaltverbrechen wurde, – kaltblütig vergewaltigt, ermordet, angezündet und beseitigt – ist Kurdin, sie ist Alevitin, aber in erster Linie ist sie Frau. Die mutmaßlichen Täter zählen zu der rechtsextremen MHP-Szene, in diesem Fall trieb sie aber (vorrangig) ihre Frauenverachtung an – die Frauenverachtung, die die Türkei und auch große Teile der Welt beherrscht.

In Solidarität mit all den Özgecan Aslans, für eine ehrliche egalitäre Gesellschaft, die der Frau keine Rollen und Positionen aufzwingt.

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