YPG-Kämpfer in Kobanê leisten seit vier Monaten einen einzigartigen Widerstand gegen den IS-Terror

Shoresh Hasan, Pressesprecher der YPG hat in einem Interview gegenüber dem Analysten der kurdischen Frage, Mutlu Civiroglu, die aktuelle Lage in Kobanê beurteilt.

Seit vier Monaten wird in Kobanê gekämpft. Gegenwärtig erschweren die Wetterbedingungen den Kampf zusätzlich. Können Sie die Situation der letzten 3-4 Tage zusammenfassen?

Shoresh Hasan, YPG-Sprecher in Kobanê (Bild: Hawarnews)
Shoresh Hasan, YPG-Sprecher in Kobanê (Bild: Hawarnews)

Wir haben in den letzten vier Monaten einen einzigartigen Widerstand geleistet. Der Mut, den uns dieser Widerstand gab, ermöglichte uns die Gefechte in den Quartieren Mekteba Resh (schwarze Schule) und Mischtenur in den letzten Tagen zurückzudrängen. Im Rahmen unserer Befreiungsaktion, die wir vor einem Monat gestartet haben, konnten wir viele Straßen, die in den Händen der IS-Terroristen waren, zurückgewinnen. IS-Terroristen konnten unsere Erfolge nicht ertragen, worauf sie uns noch stärker angegriffen haben. Sie haben unter anderem Selbstmordanschläge ausgeübt und uns mit Autobomben angegriffen, jedoch ohne Erfolg. Sie konnten nicht fortschreiten. Wir kommen dem Sieg also näher.

Können wir also sagen, dass die Quartiere Mekteba Resh und Mischtenur einschliesslich der Gegend um den Wassertank unter der Kontrolle der YPG sind?

Ja, diese Gegenden befinden sich unter unserer Kontrolle und werden vor allfälligen IS-Angriffen geschützt. Wir sind also nicht nur am Verteidigen, sondern auch daran die Stadt zu befreien. Trotz allen schweren Angriffen kommen wir voran. Wir haben uns darauf geeignet, uns nicht zurückzuziehen.

Mittlerweile glaubt die ganze Welt daran, dass Kobanê nicht fallen wird, warum aber dauert diese Befreiungsaktion so lange?

Wir haben bereits etliche Male betont, dass der Straßenkampf nicht so einfach ist und es dabei keine Regeln gibt. In den Gegenden, die in den Händen des IS sind, sind alle Straßen miteinander vernetzt, was unsere Arbeit erschwert. Der IS ist eine unberechenbare Organisation und deswegen gehen wir langsam aber sicher vor. Wir stellen sicher, dass sie nicht mehr zurückkommen können, und das braucht Zeit.

Es wurde berichtet, dass der IS in den letzten Tagen aus Sarrin und Tal Abyad Verstärkung erhalten hat. Stimmt das?

Ja, das stimmt. Der IS erhält jeden Tag Verstärkung. Aufgrund der schweren Bedingungen (Winter, Müdigkeit etc.) wechseln sie alle 3-4 Tage ihre Kämpfer aus. Ihre Kämpfer haben die Ausdauer nicht, einen Monat am Stück zu kämpfen. Wir können sehen, dass an Stelle derjenigen, die wir vernichten, neue platziert werden. Wir haben zum Beispiel bis jetzt mehr als zehn tschetschenische, 6-7 türkische sowie afghanische, kasachische oder tadschikische IS-Gruppen vernichten können. IS-Terroristen, die hier gegen uns kämpfen, stammen aus 27 Ländern. Und das können wir beweisen. Die meisten von ihnen kommen über die Türkei nach Rojava und das weiß der türkische Staat. Die Türkei muss diese Sachlage noch einmal überdenken. Hier wurden hunderte türkische Staatsbürger getötet, die Beweise dafür können wir jederzeit den Medien zugänglich machen.

Das ist eine interessante Behauptung. Es wird lediglich von ein paar Personen geredet und Sie reden von hunderten von Personen?

Ja, wir haben die Beweise und können sie auf Wunsch veröffentlichen. Die Türkei muss die Kontrollen an ihren Grenzen verschärfen. Wenn die Türkei nicht mit dem IS zusammen arbeitet so soll sie es der ganzen Welt beweisen. Zudem muss sie verhindern, dass sich ihre Bürger mobilisieren, denn die große Zahl der IS-Mitglieder, die aus der Türkei stammen, ruft bei uns einen Verdacht auf.

Ich möchte gerne auf die IS-Verstärkung aus Sarrin und Tal Abyad eingehen. Viele wollen wissen, warum die Koalition nicht die Wege angreift, aus denen die IS-Kämpfer herkommen. Wird der Krieg dadurch nicht in die Länge gezogen?

Etwa 95% der Luftangriffe der Koalition waren erfolgreich. Unter vielen Häusern liegen die Leichen der IS-Terroristen. Ich kann aber nicht sagen, warum die Koalition auch nicht die Orte außerhalb von Kobanê angreift. Darauf haben wir keinen Einfluss. Wir können lediglich empfehlen, dass sie mehr Flugzeuge einsetzen sollen. Dies könnte die Versorgung des IS verhindern. Wir glauben, dass es diese Möglichkeit gibt. Natürlich wissen wir auch, dass die internationale Anti-IS-Koalition die IS-Stellungen in Raqqa, Tal Hamis, Shingal und Bagdad ebenfalls angreift. Die Koalition hatte auch einmal ein Dorf, 7 km von Kobanê entfernt, angegriffen und dabei zehn IS-Terroristen getötet. Das ist etwas Neues. Gerade heute erfolgten außerhalb von Kobanê Luftangriffe.

Vor ein paar Tagen wurde das französische Satire-Magazin „Charlie Hebdo“ angegriffen und dabei 12 Menschen getötet. Ganz Europa ist wegen radikalen Gruppen wie IS und Al-Qaida empört. Wie beurteilen Sie als YPG diese Angriffe?

Der IS ist eine unmenschliche Organisation. Wir finden es sehr wichtig, dass alle demokratischen Länder und Menschen gegen diese Bewegung vorgehen. Es ist sogar schon zu spät. Wir kämpfen hier seit mehr als anderthalb Jahren gegen den IS, jeder hat das gesehen, aber keiner tat was. Wir sehen die große Demonstration in Frankreich mit Beteiligung von Staatsoberhäupter/innen als Antwort auf unsere Kritik. Wir wissen jetzt, dass die ganze Welt in unserem Kampf gegen diese Menschenfeinde auf unserer Seite steht. Ich wiederhole es noch einmal, auch wenn wir in erster Linie für unsere Werte kämpfen, kämpfen wir auch für die ganze Menschheit. Aus diesem Grunde müssen wir unterstützt werden.

Laut einigen Medien soll Frankreich YPG mit Waffen unterstützt haben. Stimmt das?

Nein, das stimmt nicht. Außer den Waffen, die die Autonome Region Kurdistan mittels Flugzeugen der Koalition überreicht hat und denjenigen, die die Peschmerga-Kämpfer mitgebracht haben, haben wir keine Waffenunterstützung erhalten. Wir sind auf Waffen angewiesen und hoffen auf Unterstützung.

kn

 

 

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