Kurdische Mütter und Janet Biehl (rechts) auf einer Versammlung in Rojava

Janet Biehl, Buchautorin und Lebensabschnittsgefährtin des verstorbenen amerikanischen libertären Theoretiker Murray Bookchin, war mit einer Gruppe amerikanischer Akademiker auf Forschungsreise im Norden Syriens, auch Rojava oder Westkurdistan genannt, um sich einen Eindruck über das Rojava-Modell unter den jetzigen Kriegsbedingungen zu verschaffen. Das Rojava-Modell orientiert sich an Abdullah Öcalans Vorstellungen des „Demokratischen Konförderalismus“. Seine Inspiration war vor allem Bookchin. Wir hatten die Gelegenheit mit Frau Biehl über ihre Eindrücke und Erlebnisse des einzigartigen politischen Experiments mitten im Nahen Osten zu sprechen.

Milusoy: Frau Biehl, Sie sind jetzt aus einer mehrtägigen Reise wieder zurück. Wie ist es Ihnen und ihrer Gruppe gelungen, nach Rojava zu gelangen? Die Türkei hält die Grenzübergänge nach Rojava geschlossen. Im Irak kontrolliert der IS weite Teile des Landes.

Biehl: Von Erbil aus, der Hauptstadt der kurdischen Autonomie Regierung im Irak, machten wir uns auf den Weg in Richtung Rojava. Wir sind dann mit dem Auto mehrere Stunden an die syrisch-irakische Grenze nach Sêmalka gefahren. An dem Grenzübergang mussten wir eine Stunde warten. Nach der Kontrolle in Sêmalka überquerten wir mit einem Boot den Fluss Tigris und kamen in den größten der drei Kantonen Rojavas, in Cizîrê, an.

Milusoy: Cizîrê ist ein Teil von Syrisch-Kurdistan, der sich im Krieg befindet und gleichzeitig einen Neuaufbau wagt. Ganz banal gefragt: Wie war es oder wie sind ihre Eindrücke?

Biehl: Rojava scheint mir arm an Mitteln, die der Gemeinschaft zu Verfügung steht, aber reich an Geist. Die Menschen in Rojava sind tapfer, gebildet und widmen sich der Revolution sowie der Verteidigung ihrer Gemeinschaft. Ihre Revolution ist basisdemokratisch, gleichberechtigt zwischen Mann und Frau sowie kooperativ. Ich habe so etwas noch nie miterlebt. Die Gemeinschaft in Rojava beweist der Welt, wozu die Menschheit fähig ist.

Milusoy: Sie sind ja hingereist, damit Sie sich selbst davon überzeugen können, ob die Selbstverwaltung in Rojava nach libertären Grundsätzen funktioniert. Wie sieht es damit aus? Wie viel ist von den Grundsätzen ihres Mannes Murray Bookchin enthalten?

Biehl: Rojavas Selbstverwaltung und Bookchins “libertärer Kommunalismus” ähneln sich in ganz wesentlichen Aspekten: Es sind Systeme, in welchen die Macht von unten nach oben fließt. Die Basis des libertären Kommunalismus war, laut Bookchin, die Bürgerversammlung. Die Basis von Rojava sind die Kommunen. Als ich in Rojava angekommen bin, hatte ich im Kopf diese Frage: Werde ich auf Kommunen, Versammlungen oder Räte treffen? D.h. sind es Versammlungen aller Bewohner/innen, die eigenständig in der Gemeinschaft Entscheidungen treffen können oder Räte, in denen eine kleine Gruppe von Ratsmitgliedern/innen, die im Namen des Volkes entscheiden? In Rojava entdeckte ich, dass die Kommunen von mehreren Hundert Haushalten – unabhängig davon ob es nun Männer oder Frauen sind – bestehen und jeder aus diesen Haushalten daran teilnehmen und sich an Entscheidungen beteiligen kann. Abgesehen von den Strukturen der Selbstverwaltung ist der revolutionäre Verlauf erheblich. Bookchin schrieb eine Geschichte zu diesem Thema mit dem Titel „Geschichte von revolutionären Bewegungen“. Niemand kann eine Revolution an nur einem Tag vollbringen. Manchmal entwickelt sich eine „revolutionäre Situation“. Die Situation, in der sich die Chance ergibt, an dem System etwas zu verändern. Aber leider kommt es oft zu einer Enttäuschung. In dem Augenblick, in dem eine „revolutionäre Situation“ aufkeimt, sind die Revolutionäre nicht darauf vorbereitet. Sie haben sich im Voraus nicht organisiert. Aufgrund dessen kommt es in den meisten Fällen einer „revolutionären Situation“ zu einem Chaos und die Revolutionäre sind nicht in der Lage, den Sieg zu festigen.

Milusoy: Sie sprechen von einem „Revolutionären Verlauf“. Wie konnte die Gemeinschaft Rojavas es schaffen, ihre Selbstverwaltung zu festigen und den Einbruch zu verhindern?

Biehl: Rojava hat diesen Fehler nicht gemacht. Rojava und die Gemeinschaft dort handelten anders. Sie haben sich im Voraus über Jahrzehnte auf diesen Moment vorbereitet. Sie bauten Gegeninstitutionen, Konterinstitutionen, eine gegliederte Gegenmacht zu dem System. Im Jahre 2012 ist die revolutionäre Gelegenheit dann gekommen und Rojava war vorbereitet! Als das Regime zerbrach und sie ein Machtvakuum hinterließen, konnten die vorher gut organisierten Institutionen die Macht ergreifen. Zum Thema Macht hat Rojava verstanden, was Bookchin lehrte. Die Frage ist nicht, die Macht abzuschaffen, weil das unmöglich ist – Macht ist immer präsent. Die Frage ist eher, wer die Macht haben wird, das Volk oder eine Herrschaft? Die Menschen in Rojava haben verstanden, dass die Macht dem Volk gehört. Ich glaube Murray Bookchin würde sich vor dem Rojava-Modell verneigen. Ich wünschte mir, dass er länger gelebt hätte, um dieses Modell zu sehen. Er hatte Antworten, aber Rojavas Lösung ist glänzend. Bookchin würde Rojavas Schöpfungskraft loben. Solch eine Bewegung zu organisieren und geschaffen zu haben, dessen Lohn die demokratische Selbstverwaltung ist, ist unglaublich.

Milusoy: Sie sagten: „Schöpfungskraft, die Bookchin loben würde.“ Die Schöpfungskraft ist im Kern Abdullah Öcalan – Vorsitzender der Arbeiterpartei Kurdistans PKK – der sich von einigen Schriften Ihres Mannes inspirieren lassen hat und der syrische Ableger der PKK, die Partei der Demokratischen Union (PYD). Die PKK war ursprünglich geprägt von einer marxistisch-leninistischen Ideologie. Machte sich dies in Rojava bemerkbar?

Biehl: Ja, die PKK war ursprünglich marxistisch-leninistich geprägt, aber seit Jahrzehnten wandte sich Öcalan und die PKK vom marxistisch-leninistischen Gedanken ab. Ihr Ziel ist jetzt das Modell einer basisdemokratischen, ökologisch-kooperativen und geschlechterbefreiten Gesellschaft.

Milusoy: Die Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau ist für Sie ein wichtiger Aspekt. Im Nahen Osten hat die Frau in allen Belangen eine schwere Rolle. Herrscht in Rojava ein neues Frauenbild?

Janet Biehl und Asayish-Mitglied Berivan Cudi
Janet Biehl und Asayish-Mitglied Berivan Cudi

Biehl: Die Frauenfeindlichkeit ist im Nahen Osten tief verwurzelt. In Rojava dominert ein davon abweichendes Bild der Frau. Die Frauen können sich frei und alle Angelegenheiten betreffend in die Gesellschaft sowie in die Politik eingliedern und einbinden. Mädchen und Jungen haben beide die Möglichkeit, sich weiterzubilden. Sie dürfen uneingeschränkt einen Beruf wählen. Gewalt gegen Frauen ist verboten. Eine Frau, die Opfer von häuslicher Gewalt wird, darf das Problem zu einer öffentlichen Versammlung bringen, wo es diskutiert und der Fall untersucht wird. Vor allem können sie aber am Öffentlichen Leben teilhaben. In Rojavas Verwaltung und Gremien besteht eine 40 prozentige Frauenquote. Die Institutionen haben nicht nur einen einzigen Leiter— zwei Co-Präsident/Innen sind verpflichtend, ein Mann und eine Frau sollen es sein. Rojavas militärische Verteidigungsstreitkräfte und die Asayish (Polizei) bestehen aus Einheiten der Männer (YPG) und Einheiten der Frauen (YPJ).

Milusoy: Heißt das, dass die Frau ein großer und wichtiger Teil der Rojava-Revolution ist, ohne deren zutun diese Strukturen überhaupt nicht möglich wären?

Biehl: Ja, vollkommen. An vielen Orten hörte unsere Delegation „die Rojava-Revolution ist eine Frauenrevolution“. Es ist eine Revolution, die den Frauenstatus akzeptiert. Die Freiheit der Frau ist untrennbar verknüpft mit der Freiheit der Gesellschaft. Wir hörten, Frauen seien für die Rojava Revolution das, was das Proletariat für die marxistischen Revolutionen war. Aber der Erfolg ist viel bedeutender und das Ergebnis ist, meiner Meinung nach, um einiges prägnanter.

Milusoy: Neben der Unterdrückung der Frau existiert in der Region ein weiteres, großes Problem. In der Vergangenheit war vor allem die Unterdrückung und Verfolgung von Minderheiten ein Auslöser der Konflikte im Nahen Osten. In Rojava treffen verschiedene Kulturen und Religionen wie die Muslime, Christen, Eziden, Kurden, Araber, Assyrer und Turkmenen zusammen. Wie frei sind die Minderheiten in der Selbstverwaltung Rojavas?

Biehl: Es scheint mir, dass den Kurden/innen in Rojava die Bedeutsamkeit dieser Frage sehr wohl bewusst ist, da sie selber Jahrzehnte eine unterdrückte Minderheit waren. Jetzt, als Mehrheit in Rojava, erkennen sie, dass es untragbar wäre, die Benachteiligungen anderen aufzuerlegen, welche sie selbst in Syrien ertragen haben. Außerdem schätzen sie die Vielfalt als einen positiven Aspekt. Rojavas Gesellschaftsvertrag bestätigt namentlich die Einbeziehung aller Minderheiten. Als wir die Co-Präsidentin des Nationalkongresses Kurdistan KNK getroffen haben, definierte sie die Demokratische Autonomie nicht hinsichtlich der Demokratie, aber ausdrücklich als Einheit der Vielfalt.

Milusoy: Ein Teil der Vielfalt sind die assyrischen Christen. Wie schaut die Lage um die christlichen Gebiete in Qamishlo aus?

Biehl: Wir trafen eine Gruppe Assyrer/innen in Qamislo, die uns erklärten, dass das Assad-Regime nur Araber/innen als die einzige Ethnie anerkannte. Die Kurden/innen und Assyrer/innen hatten beide keine kulturellen Rechte. Zudem war es nicht erlaubt, sich politisch zu organisieren. Seit dem Beginn der Revolution in Rojava wurden drei offizielle Sprachen in der Verfassung von Rojava verankert: Kurdisch, Arabisch und Aramäisch. Zudem organisieren sich die Assyrer/innen mit einer eigenständigen Verteidigungseinheit namens Sutoro. Wir befragten eine Gruppe Assyrer/innen, ob sie Probleme mit der Selbstverwaltung haben. Sie erwiderten, dass sie keine Schwierigkeiten hätten. Sie sind in allen Ebenen, in den Volksräten vertreten. Wir erfuhren auch, dass in der Übergangsregierung von Rojava jede Minderheit 10 Prozent im Parlament vertreten sein muss, auch wenn sie nicht 10 Prozent der Bevölkerung ausmachen. Dies ist eine positive Diskriminierung.

Milusoy: Wie funktioniert das normale Leben? Zum Beispiel hinsichtlich der Schulen, der ärztlichen Versorgung oder auch Strom- sowie Wasserversorgung. Ist dies alles frei und kostenlos für das Volk?

Eine Textilfabrik für die Produktion con YPG- und YPJ-Uniformen in Rojava
Eine Textilfabrik für die Produktion von YPG- und YPJ-Uniformen in Rojava

Biehl: Rojava kämpft einen langen, zermürbenden Selbstverteidigungskrieg gegen den IS. Die Männer und Frauen der YPG und YPJ zu bewaffnen, ihnen mit Lebensmitteln sowie Uniformen zu versorgen und ihre anderen Bedürfnisse zu decken, verbraucht 70 Prozent des Budgets. Die restlichen 30 Prozent werden für die Gesundheit und Bildung verwendet. Die Hauptwirtschaftstätigkeit im Kanton Cizîrê ist die Landwirtschaft. Mit seinem Nährboden ist der Kanton reich an Weizen und Gerste. Vor der Revolution war Cizîrê der Brotkorb Syriens. Das Baath-Regime hat keine Mühle, keine Einrichtung für die Verarbeitung von Mehl errichtet. Neulich erst hat die Selbstverwaltung solch eine Mühle bei Tirbêspî erbaut. Jetzt liefert diese Mühle das Mehl für den ganzen Kanton. Das Brot bleibt die Lebensgrundlage. Jeder Haushalt erhält drei Brotlaiben pro Tag, welche die Selbstverwaltung zu einem Preis anbietet, der gerade mal 60 Prozent der Produktionskosten deckt. Für die nächsten zwei Jahre hat die Selbstverwaltung Saatgut und auch Diesel für die Landmaschinen zur Verfügung gestellt. Auch örtliche Betriebe wurden gegründet, die Infrastruktur entwickelte man weiter, neue Straßen und Flüchtlingslager wurden erbaut. Die Selbstverwaltung finanziert also sich selbst. Ganz oben auf der Tagesordnung steht in Rojava die Erschaffung von kooperativer, kommunaler Wirtschaft. Seit zwei Jahren hat der Kanton Cizîrê den Kooperativismus  durch Akademien, Seminaren und Versammlungen gefördert. Vorrangig fördert man den Kooperativismus im Bereich der Landwirtschaft. Diese sind demokratisch und werden von den Volksräten der Selbstverwaltung koordiniert.

Milusoy: Wie werden die Leute bezahlt, die an dem Aufbau arbeiten?

Biehl: Manche erhalten einen Lohn, aber viele, z.B. Lehrer/innen, die wir trafen, arbeiten ehrenamtlich. Kooperative-Arbeiter/innen nehmen einen Anteil am Gewinn entgegen.

Milusoy: Wie ist es mit Steuern und Einkommen. Was sind die Einnahmequellen Rojavas?

Biehl: Die Bevölkerung muss keine Steuern abführen, da die Selbstverwaltung darauf verzichtet. Anhand des Grenzübergangs Sêmalka erzielen sie kleinere Einnahmen. Die größten Einnahmequellen sind jedoch Cizîrs Ölfelder. Der Kanton hat tausende Ölfelder, derzeit fördern aber nur 200 davon Öl. Das Baath-Regime profitierte schon immer von Cizîrs Rohstoffen, aber weigerte sich, Ölraffinerien zu errichten. Der Kanton hatte bis vor kurzem gar keine Raffinerien. Bei der Revolution baute die Selbstverwaltung eine große provisorische Raffinerie, um Diesel und Benzinöl zu produzieren. Die werden billig an die örtliche Wirtschaft verkauft. Außerdem wird das Öl für den Stromgeneratoren genutzt, um Cizîrê mit Strom zu versorgen. Erdöl wird im Kanton nur für den Eigenbrauch verwendet.

Milusoy: Warum verkauft Rojava sein Öl nicht an andere Staaten, um Einnahmen aus dem Export zu erzielen?

Biehl: Rojava hat eine sehr lange gemeinsame Grenze mit der Türkei, verschiedene Grenzposten überwachen die Übergänge. Derzeit sind offiziell aber alle geschlossen, da die Türkei die Selbstverwaltung von Rojava mit einem politischen und wirtschaftlichen Embargo ausgrenzt. Dadurch ist die Produktion und auch der Verbrauch nur im Inland möglich. Seit neustem lässt die Autonome Region Kurdistan im Nordirak über den Grenzübergang Sêmelka begrenzt Exporte zu. Das Ergebnis ist eine Überlebenswirtschaft. Auch Strom und Wasser sind nur beschränkt lieferbar.

Milusoy: Ist die Selbstverwaltung nachhaltig und überlebensfähig? Wie stark hängt die Zukunft Rojavas von äußeren Einflüssen ab?

Biehl: Rojava ist international nicht anerkannt. Der Westen muss dieses Projekt anerkennen und unterstützen. Zudem muss Druck auf die Türkei ausgeübt werden. Seit drei Jahren hält die Türkei an dem Embargo gegen Rojava fest. Das Ziel von Rojava ist es, ein kooperatives, kommunales Wirtschaftssystem aufzubauen. Aber solch eine Wirtschaft kann die künftige Industrie alleine nicht finanzieren. Sie benötigen deshalb Hilfe von außen, um eine zukunfts- und leistungsfähige Sozioökonomie aufbauen zu können. Ohne solche Investments, glaubt ein Wirtschaftsberater, den wir trafen, dass Rojava alleine nur ein oder zwei Jahren überleben kann. Aber das Investment von außen muss mit Rojavas kooperativer Wirtschaft übereinstimmen. Es muss keine staatliche oder zentralisierte Ökonomie sein, aber örtlich organisiert bleiben.

(kn)

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