Hidir Aslan, kurdischer Alevite aus Dêrsim und Vater von Mahir Aslan

Das Interview im vollen Wortlaut mit freundlicher Genehmigung von Plattform für Aleviten

Frankfurt – Hidir Aslan, alevitischer Kurde aus Dêrsim, kam vor 44 Jahren als Gastarbeiter nach Europa. Die Geschichte seines Sohnes, dem er den Namen Mahir gab, endete vor acht Monaten mit dem Tod, nachdem dieser sich dem IS anschloss.

Mahir Aslan war ein in Frankfurt lebender junger alevitischer Kurde aus Dêrsim. Sein Leben veränderte sich endgültig, nachdem er vor fünf Jahren mit Salafisten, die den IS unterstützen, in Berührung kam. Indem er seine Herkunft leugnete, versuchte Mahir unter den Salafisten Anerkennung zu gewinnen. Vor zwei Jahren schloss er sich schließlich dem IS an. Er wanderte mit seiner deutschen Frau Laura und der gemeinsamen Tochter nach Syrien aus und kam vor acht Monaten bei einem Gefecht mit den YPG-Kämpfern ums Leben. Wäre Mahir nicht gestorben, wär er jetzt 34 Jahre alt gewesen. Im Folgenden Mahirs Geschichte aus der Sicht seines Vaters Hidir Aslan:

In den letzten fünf Jahren hat er sich sehr verändert

„Mahir veränderte sich in den letzten Jahren äußerst auffällig. Zunächst konnte ich dieser Veränderungen keine Erklärung zuschreiben. Er ließ sich plötzlich einen Bart wachsen, diskutierte mit uns über den Glauben, wenn er auf Besuch war und redete dauernd über den Himmel. Wir wussten nicht, wie wir mit der Situation umgehen sollten. Vor drei Jahren pilgerte er zur Hadsch nach Mekka, danach war er endgültig im Bann der Religion. Auch seine Ehefrau Laura bedeckte sich und fing an eine Burka zu tragen. Nur noch ihre Augen waren sichtbar, sogar an ihren Händen trug sie schwarze Handschuhe. Ich und meine Frau besuchten sie eines Tages. Sie hatten den Fernseher und den Esstisch verkauft, denn beides seien Sünden. Mahir erzählte uns davon, dass wir hier in Europa ein luxuriöses Leben führten, aber unsere Geschwister in Afrika hungerten und dass er für diese dort kämpfen wolle. Auch seine Frau Laura war ihm in dieser Hinsicht in keinster Weise unterlegen und genauso im Bann der Religion.“

Ihr Aleviten seid Kuffar

Zu dieser Zeit hätte Mahir versucht seine zwei 16- und 19-jährigen Brüder dazu zu bringen, sich den Salafisten anzuschließen, so der schmerzerfüllte Vater. „Wann immer die Kinder Mahir besuchten, habe er ihnen Videos vom Computer gezeigt, in denen Männer mit Vollbärten über Religion geredet hätten. Er hätte die beiden sogar drei Mal in eine Moschee Frankfurts gebracht. Dort seien alle immer sehr freundlich zu ihnen gewesen. Wenn Mahir uns besuchte, habe er die Kinder in ein Zimmer gebracht, Videos mit ihnen angeschaut und über Religion geredet. Er diskutierte mit uns immer über Religion! Er hatte sich vollkommen von mir distanziert. Den Kindern hätte er ständig vom Himmel erzählt. Nachdem die Kinder uns davon berichteten waren wir aus der Fassung. Als er dann wieder zu uns auf Besuch kam und die Kinder in ein Zimmer bringen wollte, ließen ich und seine Mutter es diesmal nicht zu. So kam es zu einer Auseinandersetzung zwischen uns. Mahir forderte uns auf, auch endlich auf den richtigen Weg zu kommen. Mein eigener Sohn sagte mir ins Gesicht „Ihr Aleviten seid Kuffar*! Wenn ihr tot seid, werdet ihr in der Hölle landen, während wir ins Paradies kommen.“ Nach dieser Auseinandersetzung habe ich ihn aus meinem Haus geschmissen und ihm gesagt, dass er nie wieder hierher kommen oder uns anrufen soll. Ab diesem Tag habe ich aufgehört mit Mahir zu reden.“

Ich gab ihm Mahir Çayans Namen

Vor eineinhalb Jahren erfuhr Hidir Aslan davon, dass sein Sohn Mahir und dessen Ehefrau eine Tochter bekommen hätten und anschließend zusammen nach Syrien ausgewandert seien.

Die Gefühle bezüglich des Todes seines Sohnes formuliert Hidir Aslan wie folgt: „Vor acht Monaten riefen mich meine Verwandten aus der Türkei an und teilten mir mit, dass mein Sohn bei einem Gefecht in Rojava sein Leben verloren hätte. Andere Verwandte behaupteten, dass er starb, als er gegen Aleviten kämpfte. Ich weiß nicht mehr, was ich machen soll. Mein Sohn selbst ist Alevite, aber stirbt bei einem Kampf gegen Aleviten. In dieser Situation, auch wenn der Aleviten-Mörder mein Sohn ist, werde ich ihm niemals verzeihen. Unter diesen Umständen habe ich Mahir keine Träne nachgeweint. Ich habe nicht einmal Beileidsbekundungen angenommen. Es war mein Sohn, der mein eigenes Volk und die Aleviten massakrierte und tötete. Dies ist eine inakzeptable Sachlage! Dabei habe ich ihn nach dem Revolutionär Mahir Çayan benannt.“

Hätte er sich der PKK angeschlossen, wäre ich erhobenen Hauptes

Aslan berichtet, dass seine Verwandten mit Mahir’s Frau Laura reden konnten und dass Laura ihnen erzählt hätte, Mahir’s Leichnam und sie mit ihrer Tochter würden in Syrien bleiben. Hidir Aslan: „Hätte sich mein Sohn der PKK oder der YPG (Volksverteidigungseinheiten) angeschlossen, wäre ich niemals traurig darüber gewesen. Ich würde erhobenen Hauptes gehen und hätte mich seiner Sache angenommen. Ich hätte sagen können ‚Mein Sohn ist für einen bestimmten Zweck und für ein gutes Ziel als Märtyrer gestorben!‘ Ich hätte seine Bestattung gemacht. Aber mein Sohn hat sein Leben nicht für einen guten Zweck gegeben. Kein Vater möchte, dass sein Sohn auf diese Weise stirbt.“

Familien, gebt gut acht auf eure Kinder

Des Vaters Aslan’s letzter Aufruf an die Familien: „Ich appelliere an alle Mütter und Väter. Gebt gut acht auf eure Kinder. Sie täuschen die Kinder mit Versprechungen vom Paradies und bringen sie in den Krieg! Seid achtsam.“

*Das Wort Kuffar (Mz.) oder Kafir (Ez.) bezeichnet im Islam Ungläubige oder Gotteslästerer


Das Interview von Agit Erkendi und Berfin Yükselen erschien am 12. September 2014 unter dem Originaltitel „Dêrsim’den IŞİD karanlığına“ in der kurdischen Tageszeitung Yeni Özgür Politika. Das Interview wurde für Plattform für Aleviten aus dem Türkischen übersetzt von Baris Azad.

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