Ismet Hesen: "Der Kampf dauert so lange, bis der letzte IS-Kämpfer aus der Stadt vertrieben ist."

Kobanê / Westkurdistan – Täglich fliegt die Luftwaffe der Internationalen Koalition über die umkämpfte Stadt Kobanê und nimmt Stellungen des Islamischen Staates (IS) ins Visier. Die Luftschläge und die kurdischen Einheiten auf dem Boden zwingen die Terrormiliz des IS Straße um Straße zum Rückzug.

Cesur Milusoy hat mit Ismet Shex Hasan, dem Verteidigungsminister des Kantons von Kobanê, gesprochen und ihn zu den Gründen des Misserfolges vom IS befragt.


Cesur Milusoy:
Wie ist die aktuelle Lage vor Ort? Vor ca. zwei Monaten als der IS die Stadt eingekesselt hat, stand Kobanê kurz vor der Einnahme durch die Terrormiliz. Stimmt es, dass die Volksverteidigungseinheiten (YPG) mittlerweile 80% der Stadt unter ihre Kontrolle gebracht haben?


Ismet Shex Hasan
: Die Kontrolle der Stadt auf eine Prozentzahl festzulegen ist sehr schwierig, da kann ich Ihnen keine genauen Angaben machen. Jedoch können wir sagen, dass unsere Einheiten rund 70 – 80 % der Stadt beherrschen. Kobanê steht aber weiterhin an drei Fronten unter Beschuss, deshalb wäre es nicht richtig, von einer Niederlage des IS zu sprechen. Der Kampf dauert so lange, bis der letzte IS-Kämpfer aus der Stadt vertrieben ist.


CM:
In welchem Maß haben die Luftangriffe den YPG geholfen?


ISH:
Die Luftangriffe sind von großer Bedeutung. Aufgrund der Tatsache, dass wir in den ersten 40 Tagen des Widerstandes mit leichten Waffen gekämpft haben und fast keine panzerbrechenden Waffen gegen den gut gerüsteten IS hatten, haben die Luftangriffe dem IS sehr große Verluste zugefügt. Schwere Artillerie, Waffenlager, Panzer und Militärfahrzeuge wurden zerstört. Seit die Peschmerga mit Artillerie und schweren Waffen in Kobanê sind, können wir zudem mithilfe dieser Waffen effektiv gegen den IS vorgehen.


CM:
Welche Faktoren machen den IS so stark oder haben ihn so unsäglich gemacht?


ISH:
Mehrere Faktoren sind und waren ausschlaggebend. Einerseits sind viele ehemalige Generäle des hingerichteten Saddam Husseins sowie des aktuellen Regimes in Syrien am IS beteiligt. Andererseits kämpft der IS mit Kriegsgerät sowie Militärfahrzeugen, die die Terrororganisation bei ihrer Eroberung von Mossul erbeutet hat. Außerdem nimmt der IS durch seinen Ölverkauf Millionen ein. Zudem denke ich persönlich, dass auch die Tatsache, dass der IS nichts dem Zufall überlassen hat, eine große Rolle für sein Erstarken gespielt hat. Zuerst wurden bewusst Städte mit vorwiegend arabischer Bevölkerung, wie z.B. Raqqa, Mossul, Jarabulus oder Girê Spî (Tall Abyad), erobert, um später mit der Unterstützung der Bevölkerung dort weiter zu agieren. Der IS ist davon ausgegangen, dass der Widerstand in diesen Städten nicht groß sein würde.


CM:
Wie erklären Sie die angehende Niederlage des IS in Kobanê?


ISH:
Die kurdische Bevölkerung wurde Jahrzehnte lang stets unterdrückt. Die Kämpfer in Kobanê und in anderen Teilen Kurdistans, wie z.B. in Shingal, kämpfen für Wertvorstellungen, für ihr Land und für eine [friedliche] Zukunft ohne Unterdrückung. Wir kämpfen bereits seit zwei Jahren gegen die Al-Nusra Front und gegen andere extremistische Gruppierungen. Wir waren auf einen Angriff vorbereitet, allerdings nicht in diesem Ausmaß. Dennoch läuft der IS seit mehr als 60 Tagen gegen eine Wand. Eine Wand mit mutigen, starken und disziplinierten Kämpfern. Aus diesem Grund ist die Geduld des IS am Ende und wir hoffen, in absehbarer Zeit der Welt die Befreiung von Kobanê verkünden zu können. Denn in Kobanê kämpfen wir für die gesamte Menschheit.


CM:
Wird dies das Ende des IS sein? Hat sich der IS, dadurch, dass er den Westen herausgefordert hat, sein eigenes Grab geschaufelt?


ISH:
Zunächst möchte ich mich bei allen Staaten, die uns aktiv im Kampf gegen den IS unterstützt haben, bedanken. Allerdings will ich betonen, dass es die Frauen und Männer in Rojava und anderen Teilen Kurdistans sind, die sich die Unmenschlichkeit [des IS] nicht gefallen lassen und dagegen ankämpfen. Zur Frage, ob es das Ende der IS-Terroristen sein wird, kann ich nur sagen, dass es ihr größter Fehler war, den Eroberungsfeldzug auf kurdischem Boden begonnen zu haben. Das wird der Anfang vom Ende sein.

 

kn

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