Der Oberkommandeur der Volksverteidigungskräften (HPG) Murat Karayilan im Interview mit dem Journalisten Abdurrahman Gök

Behdînan – Der Oberkommandeur der Volksverteidigungskräften (HPG) Murat Karayilan hat in einem Interview gegenüber dem Journalisten Abdurrahman Gök den Einsatz von ihren Einheiten in Shingal beurteilt. Dabei ist er auf die Wichtigkeit der Einheit der kurdischen Kräfte gegen den IS eingegangen und sagte Folgendes: „Um die Werte des kurdischen Volkes zu schützen, brauchen wir eine gemeinsame Planung bei der Verteidigung, denn nur dadurch kann dieser Krieg gewonnen werden. Eine gemeinsame Kriegsführung ist dabei nicht zwingend. Dass unsere Einheiten nach Lalisch gegangen sind, um dort gegen den IS zu kämpfen, hat bei der Bevölkerung eine große Freude ausgelöst“.

Karayilan betonte auch, dass der inhaftierte Kurdenführer Abdullah Öcalan in Hinsicht auf Shingal einige wichtige Botschaften gesendet habe. In seiner letzten Botschaft habe er den Schutz von Shingal und Kirkuk hervorgehoben. Bezüglich dem Einsatz von ihren Einheiten in Shingal äußerte sich Karayilan wie folgt: „Wir haben Kontakt mit den Parteien PUK und PDK aufgenommen und ihnen unsere Hilfe angeboten. Sie haben aber unsere Hilfe abgelehnt und erklärt, dass die Peschmerga-Einheiten reichen würden und sie sich bei Bedarf melden würden. Trotzdem haben wir einige unserer erfahrenen Kämpfer auf einen möglichen Einsatz vorbereitet und sie heimlich nach Shingal geschickt. Kaum angekommen, wurden drei unserer Kämpfer von der Peschmerga verhaftet. Am 3. August kam die traurige Nachricht, dass IS-Terroristen Shingal belagert haben und dass die Peschmerga nach einem kurzen Widerstand sich zurückgezogen haben. Zum ersten Mal nach acht Jahren musste ich mit Kommandeuren telefonieren, denn ich konnte nicht untätig bleiben. Um 11 Uhr des gleichen Tages haben wir unsere Einheiten nach Shingal geschickt“.

Die YPG waren zum gleichen Zeitpunkt ebenfalls anwesend

„Unsere Einheiten haben am Tag ihrer Ankunft mit dem Kampf begonnen und dadurch den Vormarsch der IS-Terroristen verhindert“, so Karayilan weiter. Er fügte an, dass sie gemeinsam mit den Kämpfern der YPG mittels eines Korridors der Bevölkerung die Flucht ermöglicht hätten – zuerst zu Fuß, danach mit Fahrzeugen. Vom 8. – 18. August hätten die Kämpfer der YPG und HPG etwa 120.000 Menschen gerettet. Karayilan erklärte auch, dass dieses Vorhaben ihnen Dank der gemeinsamen Planung mit den YPG gelungen sei. Der IS habe den Korridor angreifen wollen, sei dann aber nach Makhmur und Hewlêr vorgerückt.

„Südkurdistan war auf einen Angriff nicht vorbereitet, das konnte man sehen“, fügte Karayilan hinzu. „Es war richtig, dass wir zwei Bataillons nach Südkurdistan geschickt haben. Unsere Êzîdî-Geschwister haben sich an uns gewendet und gesagt, dass der IS sich in der Nähe von Şêxan befinde und möglicherweise Lalisch einnehmen werde. Die Belagerung des Ortes wäre einem psychischen Zusammenbruch der Bevölkerung gleichgekommen. Das konnten wir nicht zulassen und haben eine Einheit nach Duhok und Lalisch geschickt. Dass wir unsere Einheiten nach Kirkuk, Makhmur, Lalisch, Shingal und Duhok geschickt haben, ist bei unseren Geschwistern in Südkurdistan gut angekommen. Dies hat zudem veranlasst, dass die Peschmerga den Kampf wieder aufgenommen haben“.

Karayilan nahm auch Bezug zu unterschiedlichen kritischen Stimmen: „In den Medien wurden wir von einigen Organisationen und Überläufern angegriffen. Es wurde gesagt, dass wir uns durch Shingal profilieren würden, wir würden uns dort niederlassen etc., aber das ist nicht die Realität. Die Realität ist, dass wir die Hilferufe unserer Geschwister gehört haben und als PKK unserer nationalen Verantwortung gerecht geworden sind“. Karayilan ist im Interview auch auf die Kriegstaktik der Peschmerga eingegangen und hat sich dazu folgendermaßen geäußert: „Die südkurdischen Bewegungen haben ihre Peschmerga-Einheiten. Ihre Verteidigung ist jedoch zu sanft und passiv. Für uns ist das keine gute Kriegsstrategie und eine solche Annäherung ist unzureichend. Die aktive Verteidigung muss weiterentwickelt werden.“ Nur eine aktive Verteidigung führe zum Ziel. Daher muss die Peschmerga die IS-Terroristen effektiver angreifen, so Karayilan.

Karayilan rief die PDK, PUK und die irakische Regierung dazu auf, Shingal gemeinsam zu befreien. Sie würden sich dafür auch alleine einsetzen, sollten die anderen Parteien sie nicht unterstützen. Es sei wichtig, ein gemeinsames Kommando zu haben. Gegenwärtig würden sie das in Makhmur und Kirkuk umsetzen. Für Shingal sei ein gleiches Vorgehen unumgänglich. „Um die Werte des kurdischen Volkes zu schützen, müssen wir gemeinsam vorgehen. Dafür kann ein Kommando, ein militärischer Rat oder ein Komitee gegründet werden. Das wird uns ermöglichen, uns auszutauschen und von unseren Erfahrungen zu profitieren. Damit ein solcher Zusammenschluss zustande kommen kann, braucht es den politischen Willen. Dazu haben wir bereits Gespräche gesucht, jetzt muss das alles beschleunigt werden, denn die Lage in Shingal ist nach wie vor sehr kritisch“.

Die kritische Lage in Shingal

Des Weiteren hat Karayilan hervorgehoben, dass in Shingal Tausende, die ihre Heimat nicht verlassen wollten, immer noch Widerstand leisten. „Die Lage ist sehr kritisch“, so Karayilan. Die Widerstandseinheiten von Shingal (YBŞ), die Peschmerga und ihre eigenen Einheiten der HPG, die sich dort befinden, würden für eine Offensive reichen, behauptete er. „Der Korridor zwischen Shingal und Westkurdistan (Rojava) wird stets angegriffen, so dass wir ihn nicht mehr verteidigen können. Dadurch sind sehr viele Menschen von der Außenwelt abgeschottet und harren ohne jegliche Hilfe aus. Sie brauchen dringend humanitäre Hilfe. Der Korridor ist jetzt nicht zugänglich. Früher kamen die Hilfsgüter noch über Westkurdistan an, aber seit dem der Korridor geschlossen ist, haben die internationalen Kräfte interessanterweise Shingal auch nicht mehr geholfen.”

„Shingal befindet sich in einer kritischen Lage. Noch in diesem Monat muss eine Lösung für diese Menschen gefunden werden”, so der Oberkommandeur der HPG.

Auf die Frage, was die Lösung wäre, antwortete Karayilan folgendermaßen: “Die Lösung besteht aus der Öffnung des Korridors sowie einer gemeinsamen militärischen Offensive. Auch die Öffnung eines Luftkorridors wäre hilfreich. Die Hilfsgüter, die bereits per Hubschrauber zur Verfügung gestellt werden, werden wegen den sich verschlechternden Wetterbedingungen auch nicht mehr möglich sein. Wir müssen als kurdisches Volk für Shingal eine Entscheidung treffen und unsere Geschwister retten, zumindest den Süden des Gebirges befreien. Das ist unsere Pflicht. Unsere Einheiten sind bereits dort, aber damit wir uns im Flachland beweisen können, brauchen wir schwere Waffen. Wenn uns diese zur Verfügung gestellt werden, können wir mit der Peschmerga zusammen den IS bewältigen und die eingeschlossenen Êzîden retten. Noch in diesem Monat muss eine Lösung gefunden werden. Ohne einen fortbestehenden, sicheren Luftkorridor oder einen breiten Bodenkorridor ist nichts möglich. Dafür führen wir bereits Gespräche mit der irakischen Regierung und der Regierung der Autonomen Region Kurdistan. Zudem versuchen wir dieses Thema immer aktuell zu halten, um den Augenmerk der Welt darauf zu richten. Wir sind bereit und versprechen jede Hilfe und Unterstützung”.

kn

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