Die christlich aramäisch-assyrischen Milizen der Sutoro beim Essen.

Ein Kommentar von Rodi Khalil (@Rodi_Khalil)

Christen in Syrien


Inmitten von all dem, was noch von Syrien übrig geblieben ist, sind wir Augenzeugen schrecklicher Ereignisse, wo ethnische und religiöse Säuberungen insbesondere von bewaffneten Gruppen des IS (Islamischer Staat) und anderer Al-Qaida-naher Gruppen ausgetragen werden. Diese Gruppen verüben abscheuliche Massaker an alle nicht sunnitischen Muslimen oder an alle und jene, die ihre radikale Ideologie ablehnen.

Berichte bestätigen, mehr als 200.000 Christen wurden von syrischen Binnenprovinzen wie Homs und Aleppo vertrieben. In diesem gesetzlosen Krieg konnte niemand sie beschützen. Ein Grossteil dieser Christen flüchtete vor dschihadistischen Gruppen wie dem IS oder der Al-Nusra Front. So sind die meisten Christen aus Raqqa in die Region Cizîr geflohen, nachdem der IS die Kontrolle über die Stadt Raqqa erlangte.

In Syrien besteht etwa 8 – 10 Prozent der Bevölkerung aus Christen, welche ethnisch hauptsächlich zu den Armeniern oder den Assyrern zählen. Viele von ihnen leben oder lebten bis vor Kurzem in Provinzen wie Homs, Cizîr, Damaskus und Aleppo.

Während den anhaltenden Kämpfen im syrischen Bürgerkrieg haben Christen versucht neutral zu bleiben. Es gab zwar Versuche, mit den dominierenden bewaffneten Gruppen in ihren Heimatregionen zurechtzukommen, aber sie scheiterten. Der Krieg brach über das ganze Land herein und Christen wurden gezielt vom IS und von der Al-Nusra Front angegriffen. Die religiöse Minderheit wurde dazu gezwungen, Teil des syrischen Konflikts zu werden und sich selber sowie ihre Existenz zu verteidigen.

Die christliche Minderheit im Kanton Cizîr

Der kurdische Kanton Cizîr besteht aus zahlreichen grossen und kleinen Städten wie z.B. Qamishlo, Dêrika Hemko, Tall Tamer, Amude, Hassaka, Til Koçer, Tirbespi und Rimelan. Hinzu kommen zahlreiche Dörfer.

Der Kanton Cizîr ist Teil von Rojava (syrisch Kurdistan), eine de facto autonome Region im Norden und Nordosten Syriens. Die Autonome Region Rojava wurde im November 2013 von kurdischen, arabischen und assyrischen Parteien sowie Organisationen ausgerufen. Sie besteht aus den drei Kantonen Cizîr, Efrîn und Kobanê.

Mindestens 50 Dörfer vom Kanton Cizîr werden von Christen bewohnt, in zwei weiteren Dörfern besteht die Bevölkerung sowohl aus Christen als auch aus Kurden. Weiter leben Christen in grossen Städten wie Qamishlo und Hassaka. In Tall Tamer, eine Ortschaft mit einer Einwohnerzahl von 7.200 (Stand 2004), bilden Christen einen grossen Teil der Bevölkerung.

Genaue Angaben zur Zahl der Christen im kurdischen Kanton Cizîr gibt es nicht, aber sie machen mindestens 5 % der Gesamtbevölkerung aus.

Im Kanton Cizîr haben die Christen einen anerkannten Status, der vergleichsweise in all anderen Region Syriens nicht anzutreffen ist. Sie geniessen eine Sicherheit, die es für sie im Mittleren Osten sonst nirgendwo gibt. Es ist ihnen erlaubt eigene Flaggen zu hissen und eigentümliche sowie religiöse Symbole zu zeigen. Als Christen oder Assyrer können sie ihre Rechte ausleben, ohne Repressalien fürchten zu müssen. Der Militärrat der Suryoye (MFS, aramäisch/assyrische militärische Organisation in Rojava) leistet in ihren Regionen gemeinsam mit den Volksverteidigungseinheiten (YGP), die offizielle Armee von Rojava, gegen den IS Widerstand.

Christen treten in Rojava dem Kampf bei

Nachdem Christen sowohl im Irak als auch in Syrien gezielt angegriffen und vertrieben wurden, sahen sie sich gezwungen, zu den Waffen zu greifen. Um sich selber zu verteidigen, haben sie eine militärische Organisation mit dem Namen „Sutoro“ (Schutz) gegründet. Die militärische Ausbildung erhielt die aramäisch-assyrische Miliz in Ausbildungslagern der YPG.

Die Einheiten der Sutoro haben in Rojava vier Hauptquartiere. Diese befinden sich in Qamishlo, Hassaka, Dêrika Hemko und Tirbespi. Ziel ist, die Sicherheit christlicher Stadtteile und Dörfer mit anderen Sicherheitskräften Rojavas, wie die Asayish, zu gewährleisten. Unter dem Dach des Innenministeriums Rojavas führen sie ihre Tätigkeiten aus und unterstützen auch die YPG an der Front. Aktuell bestärken Einheiten der Sutoro die YPG an der Front rund um die Stadt Tall Hamis, welche die YPG vom IS zu befreien versucht.

Schützt die Zivilisten in Tall Tamer

Die Stadt Tall Tamer, die eine christliche Bevölkerungsmehrheit aufweist, liegt 40 km nördlich von Hassaka. An dieser Stelle sei erwähnt, dass nachdem bewaffnete Gruppen des IS Raqqa erobert haben, viele christliche Assyrer aus Raqqa nach Tall Tamer und in die umliegenden Provinzen geflohen sind.

Tall Tamer wurde oftmals von radikal-islamischen Gruppen angegriffen. Die Angriffe wurden jedoch von den YPG abgewehrt. Die YPG wurden dabei von Sicherheitseinheiten der Asayish und Sutoro unterstützt.

Die bewaffneten Gruppen des IS sind rund 13 km westlich von Tall Tamer entfernt. Sie könnten in einem unerwarteten Moment die bedrohte Stadt erneut angreifen. Während der IS alle Arten von Waffen wie Panzer oder schwerer Artillerie besitzen, sind die YPG, Asayish sowie die Sutoro mit leichten Waffen ausgerüstet. Eine vergleichbare Situation mit Kobanê. Dennoch wehren die YPG die Angriffe der IS-Kämpfer ab und lassen sie nicht in die Nähe der Stadt kommen.

Sollte der IS Tall Tamer stürmen und die Stadt einnehmen, werden tausende Kurden und christliche Assyrer vertrieben, gefoltert und geköpft und ihre Frauen und Töchter als Sexsklaven verkauft. Eine sich wiederholende Verfahrensweise, die der IS praktiziert, wenn er eine neue Region einnimmt. Die Bewohner von Tall Tamer fürchten sich um ihre ungewisse Zukunft. Eine Zukunft, die jeden Tag und jede Nacht vom IS bedroht ist.

Das Leiden ist präsent, die Angst real. Die Vertreibung der Menschen innerhalb Syriens dauert an. Der Widerstand der Kurden und Christen innerhalb der YPG geht unvermindert weiter, das Schweigen der Welt hingegen ist ohrenbetäubend.

Wird die Welt eingreifen, um den Verteidigern dieses Kantons zu helfen? Oder wird sie warten, bis eine neue Katastrophe sich dieses Mal in Tall Tamer wiederholt?

kn/kurdishquestion

2 KOMMENTARE

  1. Auf die Lage der bedrängten Christen aufmerksam machen. Gegenfalls Spendenaktionen für Kurden und Christen unterstützen. Ich hoffe sehr, dass unsere Bundesregierung durchdrängt,
    auch die Christen und Kurden in Syrien mit Waffenlieferungen zu unterstützen. Der Schlüssel liegt nicht nur in Nordirak, sondern auch in den Gebieten in Syrien, wo Kurden und Christen nebeneinander wohnen.
    IS und Assad müssen weg.

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