Kurden, die 1991 in die Berge Richtung Iran oder Türkei fliehen mussten

Rund 40 Millionen Kurden bewohnen eine gebirgige Region, die die Grenzen der Türkei, des Iraks, Syriens und Armeniens überspannt. Sie machen die viertgrößte ethnische Gruppe des Nahen Ostens aus, haben aber nie einen Nationalstaat erlangt.

In den letzten Jahrzehnten haben die Kurden verstärkt die regionale Entwicklungen beeinflusst; in der Türkei kämpfen sie für eine Autonomie und sie spielen wichtige Rollen in den Konflikten in Syrien und im Irak, wo sie den Vormarsch der dschihadistischen Gruppe Islamischer Staat (IS) abwehrten.

 

Woher kommen sie?

Die Kurden führten traditionell ein nomadisches Leben, das sich um das Behüten der Schaf- und Ziegenherden durch die mesopotamischen Ebenen und dem Hochland drehte. Diese sind nun als Südosten der Türkei, Nordosten Syriens, Norden Iraks, Nordwesten Irans und Südwesten Armeniens bekannt.

Heute bilden sie eine unverkennbare Gemeinschaft, vereint durch Ethnie, Kultur und Sprache, obwohl sie sogar nicht einmal einen standardisierten Dialekt haben. Sie glauben außerdem an verschiedene Religionen und Überzeugungen, wenngleich die Mehrheit sunnitische Muslime sind.

Im frühen 20. Jahrhundert haben viele Kurden sich auf die Gründung einer Heimat besinnt – allgemein als “Kurdistan” bezeichnet. Nach dem ersten Weltkrieg und die Niederlage des Osmanischen Reiches, haben die siegreichen Westmächte im Vertrag von Sevres im Jahr 1920 einen kurdischen Staat vorgesehen.

Solche Hoffnungen wurden jedoch drei Jahre später verflogen, als im Vertrag von Lausanne, welcher die Grenzen der modernen Türkei festlegte, keine Vorschrift für einen kurdischen Staat machte und hinterließ die Kurden mit einem Minderheitenstatus in ihren zugehörigen Ländern. Über die nächsten 80 Jahre wurde jede Bewegung der Kurden Richtung eines unabhängigen Staates brutal niedergeschlagen.

Mitte 2013 hat der IS seinen Blick auf die drei kurdischen Enklaven, die im Norden Syriens liegen, gerichtet. Er hat wiederholt Angriffe gestartet, die bis Mitte 2014 von den Volksverteidigungseinheiten (YPG), der bewaffnete Arm der syrisch-kurdischen Partei der Demokratischen Union (PYD), zurückgeschlagen wurden. Der Wendepunkt war eine Offensive im Juni im Irak, wo der IS die nördliche Stadt Mosul überrannte, die Divisionen der irakischen Armee in die Flucht schlug, Waffen erbeutete und diese später nach Syrien brachte.

Der dschihadistische Vormarsch im Irak, hat auch die Kurden dieses Staates in den Konflikt gezogen. Die Regierung der irakischen halbautonomen Kurdistan Region sendete seine Peshmergatruppen in Gebiete, die von der irakischen Armee fluchtartig verlassen wurden.

Für eine Zeit gab es nur kleinere Gefechte zwischen dem IS und den Peshmerga, aber im August haben die Dschihadisten eine Schock-Offensive gestartet. Die Peshmerga zogen sich verwirrt zurück, ließen zu, dass mehrere Städte, die von religiösen Minderheiten bewohnt waren, fielen. Insbesondere Sinjar, wo tausende Eziden Zuflucht gesucht hatten.

Alarmiert durch die Niederlage der Peshmerga und dem potentiellen Massaker an den Eziden, die ins Sinjar geflüchtet waren, begann die USA mit Luftangriffen im Nordirak und schickte Militärberater. In der Zwischenzeit haben europäische Staaten damit begonnen Waffen an die Peshmerga zu senden. Die YPG und die türkische Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) kamen ihnen ebenso zur Hilfe.

Obwohl die Dschihadisten allmählich von den Peshmerga im Irak zurückgedrängt wurden, haben diese nicht mit dem Versuch aufgehört die kurdischen Enklaven in Syrien zu erobern. Mitte September hat der IS einen Großangriff auf die Enklave um die Stadt Kobane gestartet und zwang so 160.000 Menschen in die Türkei zu flüchten.

Trotzdem hat die Türkei abgelehnt IS Stellungen nahe der Grenze anzugreifen oder den Kurden die Grenzüberquerung für die Verteidigung der Stadt zu erlauben. Das hat kurdische Proteste ausgelöst und die PKK drohte damit, die Friedensgespräche mit der türkischen Regierung zu beenden. Allerdings war Ankara noch bis Mitte Oktober nicht damit einverstanden, dass Peshmerga Kämpfer in die Schlacht um Kobane eingreifen.

Es gibt eine tief verankerte Feindseligkeit zwischen dem türkischen Staat und seinen Kurden, welche 15 – 20 % der Bevölkerung ausmachen.

Kurden wurden von den türkischen Behörden über Generationen hinweg hart angefasst. Als Antwort auf die Aufstände in den 20ern und 30ern, wurden viele Kurden umgesiedelt, kurdische Namen und Kleidung wurden verboten, die Verwendung der kurdischen Sprache wurde beschränkt und sogar die Existenz der kurdischen ethnischen Identität wurde verleugnet, die Menschen wurden als „Bergtürken“ bezeichnet.

Im Jahr 1978 hat Abdullah Öcalan die PKK, die einen unabhängigen Staat innerhalb der Türkei forderte, gegründet. Sechs Jahre später begann die Gruppe den bewaffneten Kampf.

In den 1990er Jahren hatte die PKK ihre Forderung nach Unabhängigkeit zurückgeschraubt und forderte stattdessen eine kulturelle und politische Autonomie, ohne jedoch den Kampf aufzugeben. Im Jahr 2012 haben die Friedensgespräche zwischen der türkischen Regierung und der PKK begonnen und im darauf folgenden Jahr wurde ein beidseitiger Waffenstillstand vereinbart. PKK-Kämpfer wurden zum Verlassen der Türkei aufgefordert, die Zusammenstösse dauerten aber noch an.

Obwohl Ankara den IS als eine Bedrohung sieht, lässt es die türkischen Kurden, die sich der YPG anschliessen wollen nicht nach Syrien durch. Es fürchtet, dass das Gebiet der PYD – ein Ableger der PKK – zum Rückzugsgebiet für Attacken auf die Türkei wird. Zudem wollte die Türkei eine Koalition, die die Entmachtung von Bashar al-Assad nicht beabsichtigt, nicht unterstützen.

 

Was wollen Syriens Kurden?

Kurden bilden 7% bis 10% der syrischen Bevölkerung und leben vorwiegend in den Städten Damaskus und Aleppo, und in den drei nicht aneinander angrenzenden Regionen um Kobane, sowie in der nordwestlichen Stadt Afrin und der nordöstlichen Stadt Qamischli.

Syriens Kurden wurden Jahre lang unterdrückt und jegliche Grundrechte wurden ihnen verweigert. Etwa 300.000 Kurden wird seit den 60er Jahren die Staatsbürgerschaft verweigert. Mit dem Ziel sie zu „arabisieren“ wurde ihr Land beschlagnahmt und an die arabische Bevölkerung verteilt. Die Forderungen der Kurden nach mehr Autonomie wurden stets hart zurückgedrängt, sei es durch Inhaftierungen von politischen Führern oder durch Niederschlagungen von Protesten.

Die kurdischen Enklaven blieben die ersten zwei Jahre von den syrischen Konflikten relativ verschont, da die stärksten kurdischen Fraktionen vermieden haben, eine Seite der Konfliktparteien zu unterstützen. Aber Mitte 2012 hatten sich die Regierungstruppen zurückgezogen, um sich auf die Kämpfe mit den Rebellen in anderen Gebieten zu konzentrieren, daraufhin haben kurdische Gruppen die Kontrolle übernommen.

Dessen ungeachtet etablierte sich die Partei der Demokratischen Union (PYD) schnell als dominierende Kraft und hatte zudem gute Beziehungen zu kleineren Parteien, die den Kurdischen Nationalrat (KNC) bildeten. Sie haben zusammen im Januar 2014 die Bildung einer kurdischen Regionalregierung erklärt. Ferner betonten sie, dass sie nicht die Unabhängigkeit, sondern eine „demokratische Selbstverwaltung“ anstrebe.

 

Werden Iraks Kurden die Unabhängigkeit erlangen?

Kurden bilden schätzungsweise 15% bis 20% der irakischen Bevölkerung. Verglichen mit den Kurden in den Nachbarstaaten kamen diese in der Vergangenheit mehr in den Genuss von Rechten, waren jedoch auch brutalen Repressionen ausgesetzt.

Die Kurden im Norden des Iraks rebellierten gegen das britische Mandat, wurden aber niedergeschlagen. Im Jahr 1946 gründete Mustafa Barzani die Demokratische Partei Kurdistans (KDP), die für eine Autonomie im Irak kämpfen sollte. Nach der Revolution vom 1958 wurde die kurdische Nationalität von einer neuen Verfassung anerkannt. Nachdem aber Barzani‘s Bestreben nach einer Selbstverwaltung von der arabisch geführten Zentralregierung abgelehnt wurde, startete KDP im Jahr 1961 den bewaffneten Kampf.

Im Jahr 1970 verlangte die Regierung von den Kurden ihren Kampf zu beenden und versprach ihnen im Gegenzug eine de facto autonome Region. Diese brach schließlich zusammen und der Kampf wurde im 1974 wieder aufgenommen. Zudem veranlassten die Spaltungen innerhalb der KDP Jalal Talabi die Patriotische Union Kurdistans (PUK) zu gründen.

In den späten 1970er Jahren liess die Regierung die ölreichen kurdischen Gebiete wie Kirkuk von Arabern besiedeln und siedelte die Kurden zwangsweise um. In den 80er Jahren wurde diese Politik während dem Iran-Irak Krieg beschleunigt, bei dem die Kurden die islamische Republik unterstützten. Im Jahr 1988 begann Saddam Hussein einen Rachefeldzug gegen die Kurden, der auch den Giftgasangriff auf Halabja umfasste.

Als dann Irak im Jahr 1991 im Golfkrieg besiegt wurde, rief Barzani’s Sohn Massoud zu einem Aufstand auf. Seine gewaltsame Unterdrückung veranlasste die USA und seine Verbündete im Norden des Landes eine Flugverbotszone auszusprechen, die den Kurden den Genuss einer Selbstregierung ermöglichte. KDP und PUK hatten sich bereit erklärt die Macht zu teilen aber interne Spannungen kamen auf und ließen im 1994 den vierjährigen Konflikt heftig ausbrechen.

Die beiden Parteien hatten mit der USA, die im Jahr 2003 eine Invasion im Irak geführt hatte, zusammengearbeitet und haben dann seitdem an allen Verwaltungsaufgaben teilgenommen. Auch haben diese beiden Parteien in einer Koalition die kurdische Regionalregierung (KRG), bestehend aus den drei Provinzen Dohuk, Erbil und Sulaimaniya im Jahr 2005 geregelt und gegründet.

Nach denIS-Angriffen im Juni dieses Jahres schickte die KRGihrePeshmergain die umstrittenen Gebiete, die von den Kurden und der Zentralregierung beansprucht waren und forderte zeitgleich daskurdischeParlament auf, ein Referendum für die Unabhängigkeitauszuarbeiten.

Es ist jedoch unklar, ob die Kurden ihre Selbstbestimmung vorantreiben oder mehr Druck ausüben für eine unabhängigere Entität innerhalb eines föderalen Iraks.

 

Der Kommentar stammt vom Journalisten Güney Yildiz und erschien am 21.Oktober 2014 auf der Internetseite des BBC.

 

Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion von KN.

5 KOMMENTARE

  1. Zwei Formulierungen störten ich sehr beim lesen dieses Artikels.

    Zitat aus Ihrem Artikel:
    „vereint durch Rasse,(…)“

    Es gibt keine „Rassen“. Das ist veraltetes und gefährliches Denken, bitte benutzen Sie nicht dieses Wort!
    Zitat von Wikipedia:
    „In der Biologie ist Homo sapiens die einzige rezente Art und wird weder in „Rassen“ noch in Unterarten unterteilt.“

    „Dschihadisten“ Ist ebenfalls ein Wort, welches die eigentliche Bedeutung des Wortes „Djihad“ verdreht und in Zusammenhang bringt mit Mord und Totschlag. Eigentlich gemeint ist damit aber der Kampf mit sich selbst, nicht andere zu töten. Das sämtliche westliche Medien diesen Begriff in Bezug zu Terror und Krieg verwenden, heisst nicht, dass es richtig ist.

  2. Ich möchte sagen das es Kurdistan 1946 gab Republik Mahabad Komari Kurdistan war der bisher einzige anerkannte Kurdische Nationalstaat

  3. Kurdistan gab es 1946 Republik Mahabad es war der einzige anerkannte Kurdische Nationalstaat er bestand aber nur 11 Monate

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