PKK-Kämpfer in Mexmûr (Foto; Reuters)

Die Friedensgespräche zwischen der Türkei und der PKK wurden teilweise von der Situation in Rojava angetrieben. Und jetzt könnte der Krieg in Kobanê dem angeblichen Friedensprozess ein Ende setzen.

Als im Jahr 2012 die der kurdischen Arbeiterpartei PKK nahestehenden Volksverteidigungseinheiten YPG die Kontrolle in Rojava übernommen haben, hatte der damalige türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan folgendes verlauten lassen: „Wir wollen keine Terroristen an unserer Grenze.“

Als Reaktion darauf hatte der Vorsitzende der KCK Murat Karayilan die Türkei gemahnt und bekannt gegeben, dass ein Angriff seitens der Türkei auf Rojava einem Krieg gleichkommen würde. Nach diesen Aussagen hat die PKK mit dem Risiko, große Verluste zu erleiden, einen sogenannten „Revolutionären Volkskampf“ gestartet, woraufhin viele Gebiete in Şemdinli unter die Kontrolle der Arbeiterpartei Kurdistans fielen.

Zudem wurden seitens der PKK von Kastamonu bis nach Hakkari, von Ağrı bis nach Izmir eine Vielzahl von Angriffen verübt. Mit der Zunahme dieser Attacken hat ein Eingreifen der Türkei in Rojava an Wichtigkeit verloren. Jedoch haben die Hungerstreikenden – kurdische Häftlinge – in Gefängnissen die Tagesordnung derart intensiv beschäftigt, sodass ein Treffen mit Abdullah Öcalan unumgänglich wurde.

Sowohl Erdogan als auch Öcalan erklärten die Situation in Rojava zu der „roten Linie“. Heute ist sich die PKK sicher, dass die Türkei die Terrorgruppe IS unterstützt und somit dem Friedensprozess mittelbar ein Ende setzt.

Adem Uzun, welcher bei den Gesprächen zwischen dem Geheimdienst der Türkei (MIT) und der PKK in Oslo anwesend war, teilte mit, dass das Verhalten der türkischen Regierung den Friedensprozess gefährde. Jedoch betonte er auch, dass Abdullah Öcalan im Friedensprozess das letzte Wort habe. Seine Erklärungen decken sich dementsprechend fast vollständig mit den Äußerungen Karayilans.

Diese Spannungen des Prozesses treffen somit auf eine Zeit, in der die Erwartungen der Bevölkerung bezüglich eines Friedens hoch sind und konkrete Formen annehmen müssen.

 

Wie sich die PKK in Syrien organisiert

Warum ist also ausgerechnet der Krieg in Kobanê für den Friedensprozess ausschlaggebend, während der Roboskî-Fall, der Bau neuer Polizeiwachen sowie der Mord von drei kurdischen Aktivistinnen in Paris noch hochaktuell sind?

Der kurdische Teil in Syrien wurde Jahre lang von der PKK als der „kleiner Osten“ oder das Führer-Gebiet bezeichnet. Hinzu kommt, dass Abdullah Öcalan selbst die direkte Organisationsarbeit in Rojava übernommen hatte. Die politische Arbeit der Partei begann, als Abdullah Öcalan mit dem Ausbruch des Militärputschs vom 12. September die Türkei verlies und sich in Kobanê niederließ.

Tausende, die sich hier der Partei angeschlossen hatten, haben dann in der Türkei sowie im Irak gegen die türkische Armee sowie gegen andere kurdische Bewegungen gekämpft.

Unerwähnt bleiben darf nicht, dass einige aus Rojava und der Umgebung stammende Personen wie Murat Karayilan (aus Suruç), HPG-Kommandeur Bahoz Erdal und Nurettin Sofi eine elementare Rolle in der Bewegung eingenommen haben und vor allem im Armee-Zweig erfolgreich sind.

Auch die Strukturierung der PKK in Rojava langt bis in die 80er Jahre. Im Laufe der Zeit wurde die Arbeiterpartei PKK indirekt gezwungen, sich umzuorganisieren, da die Kurden sich nun auch gegen das syrische Regime zu behaupten hatten.

Um das Verständnis zu erleichtern, folgen einige wichtige Daten, die im Kampf der PKK einen Wendepunkt mit sich gebracht haben:

– 1978-1979: In den Provinzen Hilvan und Siverek (Şanlɪurfa) wurden Großgrundbesitzer, die den türkischen Staat unterstützten, gemahnt.

– 27 November 1978: Gründung der PKK

– 15 August 1984: Überfälle in Eruh und Şemdinli und Beginn des Kampfes.

– September 1992: Die türkische Armee hat mit Unterstützung der PDK und der Peschmerga von YNK einen großen grenzübergreifenden Angriff verrichtet.

– März 1993: Die PKK hat den ersten einseitigen Waffenstillstand ausgerufen.

– August 1999: Abdullah Öcalan hat die Bewaffneten zum Überschreiten der Grenze bewegt.

– Juni 2004: Die PKK hat erneut mit dem Kampf begonnen.

– Februar 2008: Die Türkei startete Angriffe auf PKK-Lager in Zap.

– 23 Juli 2012: Die PKK startet in Şemdinli die Taktik der Gebietsverteidigung.

– 21 März 2013: Öcalan rief erneut einen Waffenstillstand aus und forderte seine Kräfte dazu auf, die Türkei zu verlassen.

Abdullah Öcalan hat am 9. September, bevor er Syrien den Rücken zukehrte und danach verhaftet wurde, mit einigen anderen Parteimitgliedern zusammen, die ihn begleiteten, die Organisation in Syrien angeordnet. Einigen Quellen zufolge sollte diese Anordnung auch diejenigen, die die Partei innerhalb ihrer Grenzen nicht dulden konnten, bestrafen. Als sich aber der syrische Geheimdienst in die Partei einschleuste, um einige Säuberungen durchzuführen, wurde im Jahre 2003 die PYD gegründet.

Der syrische Geheimdienst, welcher diese Organisation nicht billigen konnte, fing an, die Zivilisten in Qamişlo anzugreifen. Zu dem Zeitpunkt als 2004 der arabische Frühling Syrien erreicht hatte, war die PYD bereit, um der Welt ihre Kraft zu zeigen. Der arabische Frühling behauptete sich aber in Syrien länger als erwartet. Dieses Durchhaltevermögen störte die Türkei massiv, denn an ihrer Grenze wuchs eine Organisation – nahestehend zu Öcalan – die einen immensen Teil der Bevölkerung mobilisieren konnte.

 

Die Bedeutung Rojavas in der PKK-Geschichte

Die Erfolge der PYD könnten als die wichtigsten der PKK-Geschichte bezeichnet werden. Der Widerstand Rojavas gilt, nach den Aufständen in den 80er Jahren, zu den substanziellen, bei denen auch die bedingungslose Unterstützung der Bevölkerung garantiert ist.

Die Erreichbarkeit Kobanês ist, verglichen mit den anderen Kantonen Afrin und Cizre, problematisch.

Das Fallen von Kobanê würde deswegen dem Ende dieses Widerstandes gleichkommen. Kobanê ist zudem der Ort, an dem die Bevölkerung der Partei am nächsten steht. Nur deswegen wurde die Stadt von dem syrischen Regime als Ayn al-Arab (die Quelle der Araber) genannt. Die Terrormiliz IS, für die die Stadt strategisch sehr wichtig ist, nennt sie Ayn al-Islam( Die Quelle des Islam)

Aufgrund dieser Wichtigkeit wird es dem IS nicht gelingen, Kobanê einzunehmen. Das wird nicht möglich sein, solange die YPG/YPJ-Einheiten kämpfen. Der Fall von Kobanê könnte bei den Kämpfern entmutigend wirken. Dies wiederum könnte dem IS die Besetzung des erdölreichen Kantons Cizire und dem Gebiet Heseke ermöglichen.

Der IS unterschätzt jedoch den Kampfgeist der Kobanê-Bevölkerung und ihre Treue zu Öcalan.

Obwohl seitens der Bevölkerung immer wieder betont wird, dass die Angriffe des IS dem Friedensprozess schaden, halten der Präsident Ahmet Davutoğlu und sein Kabinett am Friedensprozess fest. Es muss jedoch vor Augen geführt werden, dass die Strategie der Türkei, „den IS unterstützen und am Friedensprozess halten“, also das gleichzeitige Tanzen auf mehreren Hochzeiten, auf die Dauer nicht funktionieren kann.

 

Der Kommentar stammt vom  Journalisten Güney Yildiz und erschien am 01.04.2014 auf der Internetseite des BBC Türkçe.

 

 

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