Verteidigungsminister des Kantons Kobanê İsmet Hesen (Foto: Hawernews)

In einem Interview gegenüber dem Journalisten Mutlu Civiroglu (Twitter @mutludc) hat der Verteidigungsminister von Kobanê İsmet Hesen die Lage in Kobanê beurteilt.

Mutlu Civiroglu: Laut den Berichten der gestrigen Nacht steht Kobanê kurz vor dem Fall bzw. es besteht die Gefahr. Wie ist die aktuelle Situation?

Ismet Hesen:  Ja, das ist richtig. Es gibt Kämpfe in den Außenbezirken von Kobanê. Die Gefechte, die vor 18 Tage angefangen haben, dauern immer noch an. IS greift Kobanê mit all seinen Kräften und schweren Waffen an. Wir haben lediglich leichte Waffen. Wir kämpfen mit Kalaschnikows und RPGs. Das ist die gegenwärtige Situation und bisher haben sie es nicht geschafft in die Stadt einzudringen. Wir verteidigen Kobanê. Sie haben Kobanê von allen Seiten umzingelt, aber wir verteidigen die Stadt. Sie greifen uns mit ihrer Artillerie und ihren Panzern an.

 

Mutlu Civiroglu: Warum schaffen sie es nicht in die Stadt zu gelangen? Warten sie auf etwas oder liegt es an eurem Widerstand?

Ismet Hesen: Wir halten einen historischen Widerstand aufrecht. An vielen Orten – im Dorf Helunce an der östlichen Front sind viele Leichen (des Islamischen Staates, Anm. d. Red.), die sie zurückgelassen haben. Sie haben es nicht geschafft an der östlichen Front vorwärts zu kommen. Aber bekannterweise, können sie Verstärkung und Munitionen aus Raqqa, Hasaka und Aleppo holen. Gestern Nacht, von 22 bis 12 Uhr, haben sie wiederholt mit Panzern und Artillerie angegriffen und konnten die Grenze der Stadt durchbrechen.

 

Mutlu Civiroglu: Sie haben gestern außerdem gesagt, dass sie es geschafft haben Verstärkung aus Raqqa und anderen Regionen zu beordern. Wieso können sie so leicht kommen? Ich dachte, es gäbe von der USA und der Koalition Luftangriffe auf sie. Waren diese ineffektiv?

Ismet Hesen: Das weiß ich nicht. Ich habe keine neuen Luftangriffe gesehen. Vor 3-4 Tagen haben sie einen Panzer und ein Fahrzeug getroffen. Letzte Nacht haben sie das Dorf Muburba im Osten von Kobanê getroffen. Ich habe keine weiteren Luftangriffe gesehen. Sie haben so viel Luftkraft, wieso nutzen sie diese nicht? Sie wären nicht so weit gekommen. Sie hätten nicht so viel Verstärkung bringen können.

 

Mutlu Civiroglu: Laut einigen Experten ist IS nun so nah an der Stadt, dass Luftangriffe sinnlos sind. Es heißt, IS und YPG seien im Augenblick verflochten. Außerdem heißt es, dass IS die Taktik geändert hat und nicht länger in Konvois, sondern sich in kleineren Gruppen bewegt, sodass sie für die Kampfjets nicht zu erkennen sind. Was sagen Sie dazu?

Ismet Hesen: Ich kann sagen, dass IS nicht in der Stadt ist. Sie sind außerhalb. Ich kann ihre Positionen allen zeigen, die es wollen. All ihre Waffen östlich von Kobanê sind 4-5 km entfernt in einem Haus in Mezer Daoud mit einer roten Wand. Westlich sind sie im Dorf Yedoge in der Nähe vom Radiosender (2 km von Kobanê entfernt) und in den Dörfern Gumet und Alpanore. Sie sind dort und (USA) kann sie bombardieren. Noch einmal, es gibt keine IS Kräfte in Kobanê.

 

Mutlu Civiroglu: Warum verbreitet man dann solche Informationen, ist da eine Absicht dahinter oder ist es rein Zufall?

Ismet Hesen: Ich würde sagen, es gibt Pläne für Kobanê. Einige denken nur an ihre Interessen, einige Leute und Staaten – ich weiß es nicht, aber vielleicht verbreiten sie diese Informationen. Aber diese stimmen nicht. Sie sind nicht in Kobanê eingedrungen, sie sind außerhalb von Kobanê. Wenn sie es wirklich wollten, könnten sie IS angreifen, sogar ihre Hauptzentralen.

 

Mutlu Civiroglu: Ich will wieder auf Kobanê eingehen. Wie ist die Lage der Menschen in Kobanê? Von denen, die in der Regierung sind – was denken sie?

Ismet Hesen: Wir leben alle zusammen in Kobanê, zusammen mit unseren Kindern. Zwei meiner Kinder sind an der Front. Wir werden Kobanê nicht verlassen, wir werden bleiben. Wir werden in Kobanê Widerstand leisten. Wir sind YPG/YPJ, die den Terrorismus bekämpfen wollen, die ganze Welt hat seine Augen verschloßen, sie wollen uns nicht sehen und nicht hören. Sie wollen, dass IS siegt und nicht das kurdische Volk.

 

Mutlu Civiroglu: Haben sie irgendeine Hilfe von Kurden anderer Teile erhalten?

Ismet Hesen: Bisweil haben wir von der ganzen Welt gar keine Hilfe erhalten. Nur einige Menschen aus Nordkurdistan sind gekommen. Außer ihnen ist niemand gekommen und weder Munition noch Hilfe haben uns erreicht. Einige humanitäre Hilfen und Menschen sind aus Nordkurdistan gekommen um dabei zu helfen Kobanê zu verteidigen. Aber sie sind nicht ausgebildet und unerfahren. Wir werden sie trainieren.

 

Mutlu Civiroglu: Falls ISIS kommt, wenn sie die Stadt betreten, was werden Sie tun? Werden Sie die Stadt verlassen oder werden Sie kämpfen?

Ismet Hesen: Wir werden bis zum Ende Widerstand leisten. Selbst wenn nur noch einer von uns übrig bleibt, werden wir für Kobanê kämpfen. Wir haben jetzt Vorbereitungen für den Kampf in der Stadt getroffen, und wir werden in der Stadt bis zum Ende kämpfen. Wir werden Kobanê für niemanden verlassen. Die ganze Welt behauptet sie kämpft gegen den Terror, wir fragen sie, wo sie sind? Wieso bekämpfen sie nicht den Terror? Sie haben so viele Menschen enthauptet, sie haben sechs Zivilisten aus dem Dorf Murade mitgenommen und zwei von ihnen enthauptet. Die Wahrheit ist, die ganze Welt hat seine Augen verschloßen und wollen nicht sehen und hören, was hier passiert. Wir wollen an diese Staaten, die den Terrorismus bekämpfen, appelieren. Es ist eine Frage der Zeit bis IS in die Stadt gelangt und ein großes Massaker an den Menschen in Kobanê – wie in Sindschar – verübt. Sie müssen IS Ziele angriffen, bevor es zu spät ist. Nicht nur die Kurden, sondern die ganze Welt ist der IS Bedrohung ausgesetzt. Heute sind es die Kurden, morgen wird es jemand anders sein. Wenn morgen ein Massaker stattfindet, wird die internationale Gemeinschaft verantwortlich sein.

 

Mutlu Civiroglu: Was sagen sie zu der gezeigten Reaktion der Kurden als Volk? Die Kurden in Europa, oder in den anderen Teilen; zum Beispiel haben die Kurden in Diyarbakir ihre Geschäfte als Prostest gegen IS nicht geöffnet.

Ismet Hesen: Das ist nicht genug. Die Kurden müssen, überall wo sie sind, zu den Regierungsgebäuden gehen und der Welt bewusst machen, dass das Terroristen sind. Wir wollen, dass all unsere Kurden in Europa, in jedem Staat, ihre Sorgen den Staaten und Institutionen zeigen. Die ganze Welt ist ruhig, während wir IS bekämpfen. Es gibt außer uns keine andere Kraft, die IS besiegen kann. Das müssen sie der ganzen Welt bewusst machen.

 

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