In einem Interview mit der kurdischen Nachrichtenagentur Firat (ANF) sagte der Co- Vorsitzende der Demokratischen Einheitspartei (PYD) Salih Muslim, dass die türkische Regierung weiterhin den Islamischen Staat (IS) im Kampf gegen die kurdische Stadt Kobanê unterstützt und wies auf die hohen Verluste der IS hin. Im Interview äußerte sich Muslim auch zum Abkommen von Dohuk und bezeichnete diesen als einen wichtigen Schritt für die Einheit der Kurden.

Wie ist die aktuelle Lage in Kobanê?

Über Tal Abyad (Girê Spî) und der Türkei schließen sich von Tag zu Tag Dschihadisten dem bewaffneten IS an. Darüber hinaus wird auch ununterbrochen militärische Ausrüstung nachgeholt und es werden immer mehr Einheiten des IS in die Region gebracht. Deshalb dauern die Angriffe noch an. Sowohl im Süden als auch Osten von Kobanê gehen die heftigen Gefechte unvermindert weiter. Gestern haben die Einheiten der YPG (Volksverteidigungseinheiten) dem IS im Dorf Tal Shair schwere Verluste zugefügt. Tal Shair ist 4-5 km von Kobanês Stadtzentrum entfernt. Außerdem werden die Luftangriffe der Anti-IS Koalition fortgesetzt.

Wenn Sie die momentane Situation von Kobanê mit der von vergangenen Tage vergleichen, was hat sich konkret geändert?

Die Kämpfe und die heftigen Auseinandersetzungen gehen mit aller Härte weiter. Die Initiative ist in den Händen der YPG – Einheiten. Der IS wird von Tag zu Tag mehr in die Enge getrieben. Jedoch können wir nicht sagen, dass die Situation jetzt besser oder schlechte ist. Manchmal zieht sich der IS zurück und im nächsten Moment startete er wieder neue Angriffe. Aus diesem Grunde können wir nicht konkretes sagen.

Gestern gab es Berichte, dass die Freie Syrische Armee (FSA) in Kobanê gegen den IS kämpfen wird. Stimmen diese Berichte?

Diese Berichte sind nicht wahr. Es gibt keine Erklärung der FSA hierzu. Solche Meldungen werden bewusst verbreitet. Es gibt schon ohnehin einige Gruppen der FSA, die mit uns gegen den IS kämpfen. Diese Meldungen entsprechen nicht der Wahrheit.

Wer verbreitet mit welchem Ziel solche Meldungen?

Es ist der türkische Staat. Sie wollen mit solchen Meldungen für Verwirrung sorgen.

Bis noch vor kurzem hat die internationale Gemeinschaft geschwiegen. Heute zeigt die Staatengemeinschaften großes Interesse an Kobanê. Es gibt Unterstützung. Was hat zu diesem Wandel geführt?

In Kobanê gibt es einen Widerstand. Dieser enorme Widerstand hat die Aufmerksamkeit der internationalen Gemeinschaft auf Kobanê gelenkt, weil dort die Menschlichkeit verteidigt wird. Wir schützen die Werte der Menschlichkeit. Die Angreifer sind die Feinde der Menschlichkeit. Aus diesem Grunde kann sich jeder mit dem Widerstand von Kobanê identifizieren. Dieses Interesse freut uns natürlich, aber dieses rege Interesse muss in praktische Unterstützung umgesetzt werden. Bisher hat außer den Luftangriffen keine Hilfe uns erreicht. Das türkische Regime konkretisiert ihre Haltung und unterstützt weiterhin die bewaffneten Banden des IS. Allein gestern haben sich 70 Dschihadisten über den türkischen Grenzübergang Akcakale dem IS angeschlossen und kämpfen nun in Kobanê. Die internationale Gemeinschaft muss die Türkei unter Druck setzen, ihre Unterstützung für den IS beenden.

Die Erklärungen der türkischen Behörden deuten daraufhin, dass sie ihre Haltung zum IS geändert haben. Inwieweit stimmt diese Aussage?

Bisher liegt nicht konkretes vor. Alle Staaten der Welt befinden sich auf der einen Seite und die Türkei befindet sich auf der anderen Seite. Die Staatengemeinschaft muss die Türkei unter Druck setzen, damit sie im Kampf gegen den IS eine klare Position bezieht. Die Türkei muss der Welt mitteilen, dass sie gegen den Islamischen Staat ist. Bis heute hat die Türkei dies in keiner Erklärung geäußert und sich auch nicht vom IS distanziert.

Es gibt immer wieder in der Presse Meldungen, wonach sich Peshmerga- Einheiten aus Südkurdistan über die Türkei auf dem Weg nach Kobanê gemacht haben sollen. Sind die Peshmerga in Kobanê angekommen?

Im Hinblick auf das Hinschicken von Peshmerga- Einheiten nach Kobanê wurde ein politischer Beschluss gefasst. Bisher wurde keine militärische Kraft nach Kobanê geschickt. Auf die Frage wie viele Peshmerga- Einheiten mit welchen Waffen nach Kobanê geschickt werden, werden die Gespräche und Koordination zwischen dem Hauptquartier der Peshmerga und der YPG ergeben. Deshalb liegen noch keine konkreten Angaben über die Hilfe vor. Es wurde nur der Beschluss gefasst, dass Einheiten der Peshmerga nach Kobanê geschickt werden.

Sie führen Gespräche mit der Regierung der Autonomen Region Kurdistan (KRG). Was erwarten Sie konkret von der KRG?

Wir haben eine militärische Kraft und auch genug KämpferInnen. Wir brauchen aber schwere Waffen wie Panzer und Experten, die diese Waffen bedienen können. Darüber führen wir momentan Gespräche

Wird die Türkei eine (Hilfs-) Korridor öffnen?

Die Türkei hat auf Forderung von Südkurdistan und der USA hin versprochen diesen Korridor zu öffnen. Es wird momentan darüber verhandelt.

Über was wird konkret verhandelt?

Die Türkei will eine 10 Kilometer breite Sicherheits- und Pufferzone errichten. Es ist wahrscheinlich ein anderes Spiel der Türkei.

Die YPG hat erklärt, dass sie die Unterstützung der Koalition erhalten hat. 26 Hilfspakete mit Medizin und Waffen haben die YPG bekommen. Reicht das aus?

Durch diese Luftbrücke hat die YPG einige Waffen bekommen. Aber das reicht bei Weitem nicht aus. Wir wollen, dass diese Hilfen fortgesetzt werden. Ich möchte noch einmal betonen, dass in diesen Hilfslieferungen keine schweren Waffen waren. Wir wollen, dass sie uns mit schweren Waffen beliefern.

Sie befinden sich seit einigen Tagen zu Gespräche in Südkurdistan. Es wurde am Mittwoch ein Abkommen mit der ENKS (Kurdischer Nationalrat) erzielt. Können Sie die Inhalte dieses Abkommens erläutern?

Nach acht-tägigen Gesprächen mit der ENKS haben wir eine Einigung erzielt. In diesem Abkommen wurden die drei wichtigen Punkte wie „Gemeinsame Verwaltung, gemeinsame Militärkraft und eine politische Einheit“ verankert. Es wurde der Beschluss gefasst, dass diese drei wichtigen Punkte innerhalb von zwei Monaten in die Praxis umgesetzt werden und anschließend werden Wahlen stattfinden.

Was wird das „Abkommen von Dohuk“ für Rojava bringen?

Dieses Abkommen wird die Einheit der Kurden und inneren Frieden bringen. Darüber hinaus wird es den arabischen und assyrisch-aramäischen Völkern Freiheit bringen. Das ist ein wichtiger Schritt für die Kurden. Es wird das System von Rojava (Demokratische Selbstverwaltung) stärken.

In den südkurdischen Medien wird verstärkt über Waffenlieferungen für Rojava diskutiert. Was wollen Sie dazu sagen?

Es gibt einige Kreise, die dies verhindern wollen. Alle Kurden sollen sich darüber im Klaren sein. Beide Parteien haben Waffen geliefert. Ein Teil der Waffen ging an Kanton Cizîre und der andere Teil nach Kobanê. Wir danken sowohl der PUK, der KDP als auch der Regierung für ihre Unterstützung.

Das Parlament in Südkurdistan hat vor kurzem den Beschluss gefasst, Beziehungen mit den Kantonen von Rojava aufzunehmen. Wie bewerten Sie diesen Schritt?

Diese Abstimmung war ein wichtiger Schritt in Richtung kurdische Einheit. Wir haben uns mit dem Sprecher des Parlaments und mit den Parteien getroffen und ihnen gedankt.

Der IS möchte erneut ein Massaker in Sindschar verüben. Die Region ist belagert, aber gegen diese Belagerung wird geschwiegen. Was sagen sie dazu?

Der IS möchte das vollenden, was er am 3. August gestartet hat. Darüber hinaus ist ihr Wunsch alle Kurden zu massakrieren, nicht nur die aus Sindschar. Dem IS zu Folge sind Kurden entweder Christen oder religionslos, also sehen sie uns alle als Feinde an. Außerdem sind es nur Kurden die sich ihm in den Weg stellen, niemand hat sie in Mosul oder Raqqa bekämpft. Die staatlichen Armeen sind geflohen. Die Kurden leisten Widerstand in Kobane, in Sindschar und in Südkurdistan. Der IS hat sich zum Ziel gesetzt alle Kurden auszulöschen und wird dann zu einem Problem für die gesamte Welt werden. Deshalb rufen wir alle Menschen weltweit dazu auf, in den Kampf gegen den IS einzutreten.

Menschen aus vielen Ländern kommen nach Kobanê um sich dem Widerstand anzuschließen. Suphi Nejat Agirnasli (Paramaz Kizilbas) ist kürzlich gefallen. Auch an den Mahnwachen an der Grenze beteiligen sich immer mehr Menschen aus aller Welt. Am 1. November wird weltweit für Kobanê demonstriert werden. Wie ordnen Sie dieses Interesse der Welt ein?

Durch den Widerstand der Menschen in Kobanê entstand weltweite Solidarität, die hoffentlich auch praktische Resultate hervorbringen wird, da Kobanê direkte Unterstützung braucht. Die Stadt wurde zerstört, die Zivilbevölkerung ist im Sterben begriffen. Das Blut von Menschen wie Paramaz Kizilbas ist mit unserem Blut vermischt. Für uns ist das heilig. Menschen aus Europa und Amerika kommen hierher um Seite an Seite mit uns zu kämpfen. Niemand sollte den Lügen der Feinde Kobanês Glauben schenken. Kobanê ist dem Sieg und der Freiheit nah.

Kn/ANF; 24.10.2014

KEINE KOMMENTARE

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT