Polat Can, Kommandeur und Pressesprecher der YPG, vor dem Eingang der Ortschaft Tal Maruf

In einem Interview gegenüber dem Journalisten Mutlu Civiroglu (Twitter @mutludc) hat der Kommandeur und Pressesprecher der Volksverteidigungseinheiten (YPG) Polat Can die Lage in Kobanê beurteilt.

Mutlu Civiroglu: Welche Wirkung haben die Luftangriffe der USA für Kobanê?

Polat Can: Die Amerikaner haben viele Ziele (Jarabulus, Tal Abyad, Minbic) nahe der Stadt Kobanê bombardiert. Aber die Ziele, die am dringendsten angegriffen werden müssen, wurden aus unerklärlichen Gründen bis jetzt nicht angegriffen. Wir kämpfen seit neun Tagen gegen IS-Terroristen, die mit modernen und schweren Waffen ausgerüstet sind. Trotzdem wird es der Terrormiliz IS nicht gelingen, Kobanê unter Kontrolle zu nehmen, denn wir führen einen einzigartigen Kampf. Nichtsdestotrotz möchte ich betonen, dass wir auf Hilfe angewiesen sind. Der Kampf ist sehr groß und die Lage ernst. Zudem sind wir von der militärischen Ausstattung als auch von der Zahl der Kämpfer her dem IS unterlegen. Es muss dringend eingegriffen werden.

Mutlu Civiroglu: Wer sollte helfen? Es gab viele Gerüchte darüber, dass die USA IS-Ziele in Kobanê angegriffen haben. Können sie das noch genauer erläutern?

Polat Can: Es ist richtig, dass Kampfflugzeuge geflogen sind. Wir wissen nicht, wem sie gehören. Aber jeder soll wissen, dass die USA, um Kobanê zu unterstützen, keine Ziele des IS angegriffen haben. Uns wurde bis jetzt von keiner Seite geholfen. Mit Hilfe meine ich nicht die Unterstützung der YPG, sondern die der Bevölkerung. Denn Tausende von ihnen setzen ihr Leben aufs Spiel, um ihre Heimat zu verteidigen.

Mutlu Civiroglu: Was ist Ihrer Meinung nach der Grund der fehlenden Unterstützung?

Polat Can: Ich kann das gar nicht sagen. Wir können einfach nicht verstehen, dass die Welt dieses Massaker duldet. Ist das Leben von ca. 600 Tausend Kurden so billig? Diejenigen, die eine Bevölkerung in einer solchen Lage alleine lassen, sollten auch nicht behaupten, dass sie gegen IS und Terrorismus sind.

Mutlu Civiroglu: Sagen Sie damit, dass einige kurdische Parteien diese Angriffe verhindern?

Polat Can: Ja, genau das möchte ich sagen. Aus einigen Gesprächen, die wir durchgeführt haben, wissen wir, dass gewisse Parteien die USA-Angriffe auf IS-Ziele hindern. Sollten diese Parteien an ihrer Stellung halten, werden wir ihre Namen veröffentlichen.

Mutlu Civiroglu: Aber warum steht denn eine kurdische Partei gegen die Angriffe und verursacht somit den Tod von hunderten Kurden?

Polat Can: Vielen geht es in schwierigen Zeiten um die eigenen Vorteile und nicht um das Leben seiner Brüder. Sie denken, dass wir kurz vor der Niederlage sind und möchten das ausnutzen, um von der ganzen Situation zu profitieren. Das ist eine Einstellung, die unmenschlich ist. Egal welche kurdische Partei, alle sollten uns unterstützen. Aber leider haben wir von diesen vermeintlichen Parteien keinerlei Unterstützung erhalten. Keiner sollte denken, wir hätten nicht um Hilfe gebeten. Denn wir rufen alle Kurden auf, zu handeln.

Mutlu Civiroglu: Meinen Sie, es ist diesen Parteien nicht bewusst, wie ernst die Lage ist?

Polat Can: Klar ist es ihnen bewusst. Sie sind im Bilde.

Mutlu Civiroglu: Was können Sie über den Informationsfluss sagen?

Polat Can: Leider gibt es sehr viele falsche Informationen, die uns demotivieren. Es wurde zum Beispiel die Information verbreitet, die USA hätten IS-Ziele in Kobanê angegriffen, was nicht richtig ist.

Mutlu Civiroglu: Was müssen die Kurden machen, um die Aufmerksamkeit der Welt auf Kobanê zu lenken?

Polat Can: Als erstes möchte ich betonen, dass wir mit unseren beschränkten Mitteln etwa 250 Tausend Jesiden gerettet haben. Wir kämpfen seit zwei Jahren. Unsere Feinde wissen, dass wir stark sind und greifen uns immer wieder an, um uns zu schwächen. Wir brauchen wirksamere Unterstützungen und keine Medienmitteilungen oder ähnliche Aktionen. Es müssen große Gemeinschaften zusammenkommen, die Druck ausüben können. Ich betone noch einmal; sie sollen nicht die YPG, sondern die Bevölkerung unterstützen. Denn das Leben hier ist nicht rosig. Seit zwei Tagen laufen UNO-Gespräche in New York. Was wurde dort bezüglich der Situation in Kobanê beschlossen? Wenn dabei nichts herauskommt, dann sind alle dieser Konferenzen, Gespräche umsonst.

Mutlu Civiroglu: Was ist Ihrer Meinung nach die Rolle der Türkei in dieser Sache?

Polat Can: Wir als die YPG und Rojava haben uns um die Pflege unserer Beziehung bemüht. Leider – wie sie auch wissen und gesehen haben – hat die Türkei uns in dieser Sache im Stich gelassen. Es ist offensichtlich, dass sie die Terrormiliz IS unterstützt. Sie verhandelt mit IS. Die Türkei will, dass Kobanê fällt, damit sie anschließend mit ihren Soldaten in Rojava einmarschieren und dort eine Pufferzone errichten. Das ist der Plan der Türkei.

Ich appelliere an die Menschrechtsorganisationen: Wenn sie heute nicht helfen, kann es Morgen zu spät sein. Ja, die YPG kämpfen mit ihren beschränkten Mitteln, aber sie haben keine heiligen Kräfte, die sie aus dieser Situation heraus helfen können. Es muss sofort gehandelt werden.

kn/voa kurdish

1 KOMMENTAR

  1. Das Militär als einzig Laizistische Kraft in der Türkei soll putschen und weg mit Erdogan mit seiner AKP !!!! Schnell

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