Von Ismail Zagros

Oftmals wird die Lage der Kurden mit den Palästinensern verglichen. Zwischen den beiden Völkern gibt es viele Parallelen. Die Palästinenser verlangen ein freies und einheitliches Palästina und die Kurden träumen von einem unabhängigen Kurdistan. In beiden Fällen wird Gewalt eingesetzt.

Palästina ist ein von Israel besetztes Land. Etwa 131 Staaten erkennen den von der PLO 1988 ausgerufenen Staat Palästina an. Rund vier Millionen Menschen leben in Palästina. Seit dem Kampf um Gaza im Jahre 2007 sind die palästinensischen Autonomiegebiete de facto zweigeteilt. Im Gazastreifen herrscht die Hamas. Die im von Israel besetzten Westjordanland liegenden Autonomiegebiete werden von der Fatah-Regierung geführt. [1]

Das Land der Kurden, Kurdistan, ist seit dem Vertrag von Lausanne 1923 in den Staaten Türkei, Iran, Irak und Syrien aufgeteilt. Kein Staat erkennt Kurdistan weder als einen besetzten noch als einen eigenständigen Staat an. Nur die Kurden im Norden des Irak (Südkurdistan) genießen seit 1991 eine weitgehende Autonomie. Über 40 Millionen Kurden leben verteilt in diesen vier Besatzungsländern.

Die Palästinenser besitzen tausende Schulen, in denen auf ihrer Muttersprache unterrichtet wird. Allein in Westjordanland besitzen die Palästinenser 150 Schulen, sodass die palästinensischen Kinder in ihrer Muttersprache gelehrt werden. Jedoch können die Kurden zum Teil nicht einmal frei auf der Straße Kurdisch reden, geschweige denn eine Schule gründen, in der man auf Kurdisch spricht. Es existiert im von der Türkei besetzten Nordkurdistan, wo 20 Millionen Kurden leben, keine einzige kurdische Schule.

Die Palästinenser werden von ihren Besatzern als „Arabische Palästinenser“ bezeichnet. Die Besatzer Kurdistans aber leugnen die Existenz der Kurden. Die Bezeichnung „Kurden aus Kurdistan“ kommt für die Besatzungsmächte nicht in Frage. Sie vermeiden die Bezeichnung Kurdistan oder verbieten den Gebrauch des Begriffes sogar. Außerdem haben palästinensische Dörfer, Städte, Gebiete in Israel ihre arabischen Namen und die arabische Sprache wird in Israel als zweite Amtssprache anerkannt. In Westkurdistan (Nordsyrien) wurden kurdische Dörfer, Städte, Gebiete arabisiert und in Nordkurdistan (Osttürkei) türkisiert. Die Muttersprache der Kurden – Kurdisch – wird in allen Aspekten des Lebens nicht akzeptiert. Nicht nur nicht akzeptiert, Kurden werden immer noch aufgrund ihrer Sprache diskriminiert und teils gar gelyncht.

Die Palästinenser können in staatlichen Einrichtungen ihre Angelegenheiten in ihrer Muttersprache ohne Probleme erledigen. Die Kurden hingegen müssen aufgrund ihrer Identität sogar die Sprache ihrer Besatzer – Türkisch, Arabisch, Persisch – besser beherrschen als die einheimischen Türken, Araber und Perser, sodass sie in Folge dessen als Kurden nicht auffallen, um nicht von den Beamten mit dem Satz „Kommen Sie am Besten ein anderes Mal vorbei“ nach Hause geschickt zu werden. Die Palästinenser können ihren Kindern die Namen geben, die sie wollen. Die Kurden müssen, wenn überhaupt, die kurdischen Buchstaben (W,Q,X, Î, Ê, Û), die z. B. im türkischen Alphabet nicht existieren, weglassen, sodass die Namen sogar ihre Bedeutung verlieren. Die Palästinenser besitzen eigene Polizisten, Soldaten, Ärzte, Lehrer, Professoren, eigene Gerichte, eigene Richter. Sie können ihre Probleme intern mit ihren eigenen Gesetzen lösen.

Die Kurden aber werden in jedem Aspekt des Lebens abhängig von ihren Besatzern gemacht. Von ihrem „Freund und Helfer“ werden die Kurden geschlagen, gefoltert und ermordet. Die Besatzer Kurdistans führen eine Assimilationspolitik gegenüber dem kurdischen Volk und zwingen kurdische Jugendliche, ins Militär zu gehen, Dorfschützer zu werden, um gegen ihre eigenen Brüder zu kämpfen. Sie werden Opfer der Polizeigewalt, Gerichte, Richter, JITEM…

Die Palästinenser sind bei der UNESCO als Vollmitglied anerkannt. Sie sind Mitglied der Arabischen Liga. In allen islamischen Konferenzen wird über die Lage der Palästinenser aufmerksam gemacht und für eine Lösung diskutiert. Nicht nur die islamische Welt unterstützt den Freiheitskampf der Palästinenser, sondern auch von allen linken und sozialistischen Organisationen werden sie unterstützt. International sorgen Angriffe Israels auf die Palästinenser für große Schlagzeilen. Allerdings wird das kurdische Volk nirgends als Mitglied anerkannt und von der Islamischen Welt völlig ignoriert, obwohl über 80% der Kurden dem Islam angehören. Wenn es aber um das kurdische Volk geht, fällt kein Wort über die Massaker, die gegen die Kurden ausgeübt wurden und werden. [2]

In dem von Israel besetzten palästinensischen Boden können Palästinenser ihre Religion und Kultur zum Teil „freier“ ausleben als die Kurden in Kurdistan. Im schiitisch dominierten Iran werden die Kurden wegen ihres sunnitischen Glaubens verfolgt. In der Türkei ist die kurdische Sprache in den staatlichen Moscheen verboten. Kurdische Imame können keine religiösen Reden auf ihrer Muttersprache halten. Yezidische und Alevitische Kurden wurden getötet oder ins Ausland vertrieben. [3]

In dem Israel-Palästina-Konflikt gab es seit 1950, inklusive aller militärisch-staatlichen Auseinandersetzung, ca. 51.000 Tote. Davon sind 35.000 Tote Araber (inklusive der Soldaten in den Kriegen wie dem Sechs-Tage Krieg) sowie 16.000 jüdische Israelis (auch inklusive der israelischen Soldaten). Der „Unabhängigkeitskrieg“ von 1947-1949 hat des Weiteren 11.000 Personen das Leben gekostet, davon 5.000 Arabern und 6.000 jüdischen Israelis. [4]

Im drastischen Vergleich wurden im gleichen Zeitraum im Irak und in der Türkei weit über 200.000 Kurden durch die eigenen Staaten getötet.

Während der sogenannten „Nakba“ im israelischen „Unabhängigkeitskrieg“ wurden ca. 700.000 Araber/Palästinenser vertrieben oder verließen die neuen israelischen Gebiete. In den Ländern Irak, Syrien und der Türkei wurden insgesamt über 4,5 Millionen Kurden aus ihren angestammten Siedlungsgebieten vertrieben oder zwangsumgesiedelt. Alleine für die Türkei liegt der aktuelle Stand bei 3,5 Millionen kurdischen IDPs (Internal Displaced People). In allen drei Ländern zusammen wurden durch die Regierungen über 10.000 kurdische Dörfer dem Erdboden gleich gemacht und dem Volk damit die materielle und kulturell-soziale Lebensgrundlage geraubt. [5], [6]

Jeder Tote ist einer zu viel, egal ob Kurde, Türke, Araber oder Perser, egal ob arabische Palästinenser oder jüdische Israelis. Das kurdische Volk, das größte Volk ohne einen eigenen Staat, propagiert aus Liebe zu der Menschheit gegen jede Unterdrückung auf dieser Welt.  Man kann nicht leugnen, dass das Schicksal eines Palästinensers, der beispielsweise in Gaza lebt, von Leid geprägt ist. Den aktuellsten Meldungen zufolge sind in den letzten Tagen dutzende Palästinenser aufgrund der israelischen Bombardements getötet worden. Es ist tragisch, doch es ist ein Anzeichen von Heuchelei, wenn man bei einer Attacke auf Palästina augenblicklich die Palästinaflagge hisst und gleichzeitig aber die Kurden, die jahrelang und bis zum jetzigen Augenblick unterdrückt und getötet werden, völlig außer Acht lässt. Seit Tagen greifen IS-Terroristen (ehemals „ISIS“) die Demokratisch-Autonome Verwaltung von Kobani in Westkurdistan (Rojava/Nordsyrien) mit schweren Waffen an. Von kurdischer Seite heißt es, dass IS bei den bewaffneten Auseinandersetzungen Waffen einsetzt, die sie bislang im Kampf gegen Rojava nicht eingesetzt hatte. Vermutlich handelt es sich um erbeutete Waffen aus dem Irak. Mit aller Macht und mit allen Mitteln versucht die Terrorgruppe IS das Kanton Kobani zu erorbern. Sollte Kobani fallen, steht eine ethnische und religiöse Vertreibung bzw. Säuberung im Kanton Kobani bevor. Berichterstattung in deutschen oder internationalen Leitmedien dazu? Fehlanzeige.

kn, 12.07.2014

[1] Palästinensische Autonomiegebiete

[2] Unesco nimmt Palästina als Vollmitglied auf

[3] Türkischer Staatsimam verbietet Kurdisch in der Moschee, Video

[4] Benjamin Hiller Photojournalist

[5] Al-nakba – die „Katastrophe“ von 1948

[6] Die Kurden – Ein Überblick

1 KOMMENTAR

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT